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Ein Meraner in Japan

Markus mit 19 japanischen Archäologen

Markus Weisenhorn, Jahrgang 1984 und in Meran geboren, wohnt seit zwei Jahren in Rabland. Zurzeit unterrichtet er Deutsch und Geschichte an der Handelsoberschule „Franz Kafka“ in Meran und leitet ehrenamtlich den „Moaser Spieletreff“.

Stolz erfüllt ihn, wenn er seinen Ausweis zeigt. Denn da steht unter „Beruf“: Archäologe. Schon in den frühen Volksschuljahren ist er seinen Verwandten damit auf die Nerven gegangen, dass er Archäologe werden wollte. Nie gab es einen anderen Berufswunsch. Dementsprechend gestaltete sich dann auch seine Ausbildung: Besuch des Humanistischen Gymnasiums „Beda Weber“ in Meran und nach der Matura Studium der Klassischen Archäologie - also des alten Griechenlands und der Römer - in Wien.

Das Tolle und gleichzeitig Negative am Beruf des Archäologen ist die Tatsache, dass man ständig auf Achse ist. Archäologische Grabungen finden immer woanders statt, man kann sich also nicht irgendwo niederlassen und jeden Tag zur Arbeit gehen. So lebte Markus bisher ein aufregendes Leben an vielen verschiedenen Orten, wie etwa einen Monat in Kärnten, dann einen Monat in Süditalien, anschließend einen Sommer in Niederösterreich. Ein Jahr lang lebte er sogar in Athen. „Es war das vielleicht beste Jahr meines Lebens“, sinniert er und schwelgt in Erinnerungen. Danach ging es wieder nach Wien, um von dort aus für einen Monat in die Türkei zu starten und darauf einen weiteren Monat in Griechenland zu verbringen.

Wenn einem das Reisen nicht liegt, wenn man fremde Speisen nur ungern probiert, fremde Kulturen nicht als faszinierend betrachtet, dann sollte man wirklich kein Archäologe werden. Markus ist das Gegenteil, weltoffen und neugierig. Das liegt in seiner Familie. Sein Cousin kehrte erst von einer sechsmonatigen Weltreise (Südostasien, China, Japan, Tahiti, Mexiko, Südamerika) zurück, seine Großmutter macht jedes Jahr ein bis zwei Reisen.

Und so kam es, dass er den September und Oktober 2009 in Japan verbringen konnte. Ein Professor hatte ihm das Angebot gemacht, dort an einer archäologischen Grabung teilzunehmen. Es war im Grunde ein glücklicher Zufall.

So flog Markus Anfang September nach Tokyo. Die Hauptstadt Japans ist ein Land für sich. Riesig und modern, gleichzeitig aber den Traditionen und Bräuchen verbunden. Es ist eine internationale Stadt, überall laufen ausländische und einheimische Geschäftsleute herum, McDonald’s-Filialen finden sich über eleganten Geschäften von Gucci und Armani. Aber daneben sieht man auch ständig Mädchen und Jungen in Schuluniformen, Jugendliche, die sich als ihre Lieblings-Comicfigur verkleiden (Cosplay), Männer und Frauen im traditionellen Kimono.

Doch Tokyo mit all seinen Facetten und Sehenswürdigkeiten war für Markus nur ein Zwischenstopp. Zwei Tage nach seiner Ankunft machte er sich dann auf zur Tokyo Metropolitan University, wo er seine Kontaktperson, Assistenzprofessor Takuya Yamaoka, traf. Dieser stellte ihn den anderen Teilnehmern der Expedition vor. Die Gruppe bestand aus 20 Mitgliedern, 19 Japanern und einem Südtiroler. Die erste Schwierigkeit bestand darin, sich jene Kollegen zu merken, die Englisch sprechen konnten. Denn das ist in Japan wirklich eine Seltenheit. Und als noch schwieriger gestaltete es sich, die Namen zu merken.

Die Ausrüstung wurde in die Autos verfrachtet und dann brach die Gruppe auf. Die zentrale Insel Japans, Honshu, wird von zwei Gebirgsketten durchzogen, den südlichen und den nördlichen Alpen. Doch sind sie nicht so hoch wie unsere Alpen. In diesen nördlichen Alpen liegt Nagano, das allen wegen der Olympischen Winterspiele ein Begriff ist. In der Nähe dieses Sportortes, in einem schmalen, dicht bewaldeten Tal liegen zwei Höhlen, Kitaaiki-Iwa und Nonko-Iwa. Kitaaiki-Iwa ist eine berühmte Höhle, denn in ihr wurden Funde gemacht, die bis zu 12.000 Jahre alt sind. In Nonko-Iwa wurde noch nie gegraben, aber die Hoffnung ist groß, auch hier etwas zu finden, da es sich ja um benachbarte Höhlen handelt.

Als Quartier dienten Ferienhäuser in einem kleinen Dorf in diesem Tal. Zum Baden ging es täglich in das benachbarte Onsen (heiße Quelle mit Badehaus), das Beste, was Japan zu bieten hat. Und gekocht wurde immer selbst. Am ersten Tag hätte Markus etwas kochen sollen, doch war es für ihn unmöglich, sich in dem Supermarkt zurechtzufinden. So wurde er für die restliche Zeit vom Kochen befreit und dem Geschirrspülen zugewiesen.

Die Fläche am Höhleneingang war recht schmal, aber in typisch japanischer Manier mussten dennoch zehn Leute dort graben. Es galt, auf der ganzen Fläche gleichmäßig tiefer zu gehen. Die japanischen Kollegen hatten keine Probleme sich nicht gegenseitig auf die Hände zu treten, Markus tat sich da schon schwerer. Verletzte gab es zum Glück keine, aber gestoßen hat er ständig jemanden. Am witzigsten aber fand er, dass das Werkzeug rosarot war.

Der Höhleneingang war von einem herabgebrochenen Felsbrocken versperrt. So bestand die Aufgabe darin, das Erdreich zu entfernen, um den Felsen freizulegen. Anschließend würde dann der Felsen bewegt werden. Wie dies bewerkstelligt wird, da ja kein Gefährt heranfahren kann, ist noch nicht geklärt. Das ist zurzeit aber noch unwichtig, weil es in den zwei Wochen der Ausgrabung nicht möglich war, die Aufgabe zu erledigen.

Im Dorf stand eine große Turnhalle. Diese wurde zu einem Labor umfunktioniert. Vor dem Gebäude wurden die Sandproben von der Höhle gewaschen und anschließend unter dem Mikroskop untersucht. Sporen, Knochen und Kohle wurden dabei gesammelt.

Neben kleineren Tierknochen wurde vor der Höhle einzig eine Feuerstelle entdeckt. Die Analyse der Proben steht noch aus. Der Grabungsleiter hofft zwar auf eine Datierung, die diese Feuerstelle 10.000 Jahre alt macht. Im Vergleich zur Nachbarhöhle scheint dies aber unwahrscheinlich, da sie auf einem viel höheren Niveau gefunden wurde, als die dortigen zehntausend Jahre alten Funde. Doch alles ist möglich und ohne die Probenergebnisse sollte keine Spekulation stattfinden.

Nach der Zeit der Grabung, in der Markus mit Japanern gelebt und gearbeitet und japanische Kultur und Mentalität hautnah erlebt hat, verbrachte er noch einen Monat in Kanazawa, um Japanisch zu lernen und bereiste das Land der Samurai, der Shinto-Götter und des Grüntees, die historisch bedeutenden Städte Kyoto und Nara.

Dann kehrte er nach Hause zurück und nahm eine Stelle als Oberschulprofessor an, um einmal länger als einen Monat an einem Ort zu bleiben. Denn auch das Theaterspielen gefällt ihm, das neben so vielen Reisen natürlich nicht möglich ist. Doch es brodelt schon in seinem Blut, das Fernweh hat ihn wieder gepackt. Die nächste Reise ist schon geplant: Freunde in Aus­tralien besuchen, dann nach Neuseeland und anschließend erneut nach Japan.