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Ich darf mich entschuldigen

„Ich darf Sie alle willkommen heißen, ganz besonders darf ich den Herrn Bürgermeister begrüßen, weiters darf ich der Obfrau einen besonderen Dank aussprechen …“ Wer in der Öffentlichkeit etwas zu sagen hat, beginnt seine Rede mit „Ich darf“. „Ich darf darauf hinweisen, dass …“, „Ich darf noch hinzufügen …“. Solche und ähnliche Floskeln hören wir bei fast jeder nur denkbaren Gelegenheit. Wir fragen uns schon gar nicht mehr, wer dem Redner die Erlaubnis gegeben hat, dies alles zu dürfen. Erleichtert vernehmen wir dann, wenn wir überhaupt noch zuhören, den Redner sagen: „Ich darf jetzt zum Schluss kommen und …“

Aus dem bescheidenen „Darf ich?“ hat sich das arrogante „Ich darf“ entwickelt. Ein Kind fragt: „Darf ich noch ein Zuckerle haben?“ Der Erwachsene sagt: „Ich darf mir doch mal Ihren Kugelschreiber leihen“ und greift zu. Höflich ist es, wenn die Hausfrau den Gast fragt: „Darf ich Ihnen noch eine Tasse einschenken?“ Und wartet ruhig ab, bis der Gast mit „bitte“ oder „danke“ antwortet. Gießt sie aber die Tasse gleich voll mit den Worten: „Ich darf Ihnen noch …“, so ist das unhöflich.

„Ich möchte mich wegen der Verspätung entschuldigen“, stellt sich ein Referent vor. Ob die Anwesenden ihm die Verspätung verzeihen, ist gar nicht selbstverständlich, denn genau genommen kann niemand „sich“ selbst entschuldigen. Dazu gehört immer auch mindestens ein anderer, den man bitten kann, das, was man getan hat, zu entschuldigen. Schuld kann nur vergeben werden, man kann sich nicht selbst der Schuld entledigen mit einem „ich entschuldige mich“. Auch die Kurzform „Entschuldigen Sie!“ oder „Verzeihen Sie!“ klingt wie ein herrischer Befehl. Neuerdings verschluckt man vielfach auch noch die Vorsilbe, als lässiges „Tschuldigung“ hört sich das an. Auch hier steckt der allgemeine Hang zur Verkürzung drin wie im Gruß „Morgen!“ oder „Tag!“. Im Englischen entschuldigt man sich auch mit einem knappen „Sorry!“. Nehmen wir uns lieber ein Beispiel an der klassischen italienischen Wendung „chiedo scusa“, die genauso korrekt ist wie „Ich bitte um Entschuldigung!“.

Ein Artikel aus der Rubrik Worte über Worte  von Dr. Luis Fuchs (lf)