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Die Brücken Merans

Der Steinerne Steg

In der mehrteiligen Serie werden die Brücken Merans vorgestellt. Dabei wird in einer Art Chronik Wissenswertes zur Baugeschichte und zu den künstlerisch-architektonischen Eigenheiten dieser manchmal vernachlässigten, aber symbolträchtigen Bauwerke erzählt. Noch nie veröffentlichte historische Fotos sowie aktuelle Aufnahmen dokumentieren die Vorgängerbauten der heutigen Brücken und bebildern unsere kleine Chronik.

Wir beginnen zwar mit dem Steinernen Steg (siehe Titelfoto), folgen dann aber der Fließrichtung der Passer von der Passeirer Straße bis zur MeBo-Brücke.

Das Wort Brücke geht auf eine indogermanische Wurzel *bhreu- bzw. *bhru- „Balken, Knüppel“ zurück und ist mit Prügel urverwandt. In der Tat waren die alten Brücken in germanischer Zeit Knüppeldämme in sumpfigem Gelände. Erst die Römer bauten hölzerne Brücken und steinerne Bogenbrücken, worauf die Wendung „eine Brücke schlagen“ zurückgeht.

Der Beiname der früheren römischen Kultfunktionäre – und heute des Papstes – war pontifex maximus „oberster Brückenbauer“. Daraus leiten sich auch Bezeichnungen wie pontifikal, Pontifikat (Dauer der Herrschaft eines Papstes) ab.

Passerbrücken

Die Passerbrücken Merans verbinden die Stadt Meran an der orografisch rechten Passerseite mit den beiden Ortsteilen und ehemaligen Gemeinden Ober- und Untermais an der orografisch linken Passerseite.

Steinerner Steg

Der heutige Meraner Ortsteil Steinach gehörte im 13. Jahrhundert den Herren von Tarantsberg, als die Grafen von Tirol um 1230 die heutige Stadt Meran als forum (Marktflecken) gründeten und sie um die Mitte des 13. Jahrhunderts zum burgum an Meran (befestigter Markt Meran) erweiterten. Zwischen Meran und Steinach befand sich damals ein Stadttor („Altes Passeirer Tor“), ungefähr dort, wo sich heute der Turm der Pfarrkirche befindet.

Die Steinacher verfügten über eine Brücke, die sich wohl im Bereich des heutigen Steinernen Stegs  befand. Die Meraner mussten als direkten Zugang die Spitalsbrücke errichten, welche 1258 erstmals erwähnt ist.

Der 1617 errichtete Steinerne Steg ist die älteste bestehende Brücke Merans. Seine Lage zwischen Gilf und Winter- bzw. Sommeranlage im frischen Grün des Passerufers und die klassische Schlichtheit seiner zwei Bögen machen ihn zu einem der schönsten Baulichkeiten der Stadt.

Namen

Der Name Steinerner Steg (mundartlich der stuenerne Steg) rührt von den markanten steinernen Bögen her. Das italienische Ponte di Pietra wurde in den 1960er- bzw. 1970er-Jahren von der Namenform Ponte Romano abgelöst, die im Deutschen Anlass zur etwas missglückten Schöpfung Römerbrücke gab. Im Bauprojekt der Gilf-Verlängerung 1959 ist noch der Name Ponte Pietra angegeben.

Tatsächlich vermutet man in der Nähe auf Maiser Seite die alte Statio Maiensis (zwischen der St.-Georgen-Kirche und dem heutigen Freihof bzw. Prüglbauer). Ihr gegenüber stand das Castrum Maiensis (Zenoburg). Aus praktischen und geografischen Gründen (schmales schluchtartiges Passerbett, direkte Verbindung zwischen den beiden Anlagen) muss sich tatsächlich im Gebiet zwischen dem Steinernen Steg und dem Gilfsteg eine „Römerbrücke“ befunden haben.

Der heute nicht mehr gebräuchliche Flurname Puns bezeichnete einst das Gebiet zwischen St. Georgen und dem Pardeller (Villa Erkerhaus) mit Zentrum Freihof. Wo heute die Villa Mazegger steht, befand sich einst der Prügelbauer bzw. die beiden Höfe Ober- und Unterpunst (1779). Der Name leitet sich wohl von alpenromanisch *puntes „Brücken“ ab. Im Bereich der Gilfklamm werden sich wohl ein oder zwei Passerübergänge befunden haben.

Historische Belege zum Namen Puns: 1362 Güter zu Puns, 1367 villicus de Puns dorfmaister, 1369 ...prope locum dictum Punts subtus viam que ducit ad Lutzage, 1369 Ulricus de Punts dorfmaister de sup. Mays, 1379 Ch. de Punts ex plebe Mais, 1399 Goldenhof ze Puns, 1493 Hans Prüglsoder mawrer zinst von seim guet zu Buns, 1600 Goldhof zu Punsch, 1684 O. Und U. Punst von alters Prigl und Punst genant so zwen halbe Höf.

Geschichte und Chronik

Eine niedrige Holzbrücke über die Passer ist in Arbeos Vita Corbiniani (um 760) beschrieben. Der spätere Freisinger Bischof Arbeo bzw. Aribo soll im Jahre 730 als siebenjähriger Knabe anlässlich des Begräbnisses des Hl. Korbinian auf St. Zeno beim Herumtollen über den Burgfelsen gestürzt sein. Er wurde auf Intervention des Heiligen von einer Hecke aufgefangen und kam nicht in den schäumenden Strudeln der Gilf zu Tode. Nachdem der Knabe in den Abgrund stürzte, eilten die Begräbnisteilnehmer auf eine nahe Brücke, um von dort aus den Knaben aus seiner misslichen Lage zu befreien. Im lateinischen Wortlaut: Qui dum irent cadaver quaerendo, amne super pontem transgresso, contemplabantur puerum saxo cuidam inhaerentem (zit. nach P. Cölestin Stampfer, 1889, Geschichte von Meran, S. 341). Ein kleiner Schattenriss aus Metall ist in Gedenken an den Absturz des Knaben Arbeo beim Passeirer Tor außerhalb der Stadt am Felsen oberhalb der Straße angebracht worden. Dabei handelt es sich allerdings nicht um die eigentliche Absturzstelle.

Die Chronik vermerkt, dass 1340 bei einem Hochwasser alle Brücken und Stege fortgetragen wurden. Am 22.09.1419 kam es zum ersten zerstörerischen Ausbruch des Kummersees („Passeirer Wildsee“), der 1401 in Folge einer Hangrutschung in Rabenstein entstand und dessen Wasser bis zu 30 m Tiefe maß. Am 14.09.1503 brach der Passeirer Kummersee erneut aus, wobei der hölzerne Hohe Steg, auf dem das Brunnen- (Trinkwasser) und Ritschenwasser von Obermais nach Meran geführt wurden, fortgerissen wurde. Die Höhe des damaligen Steges – ähnlich wie heute beim Steinernen Steg – war praktisch, das Wasser konnte hoch über die Passer bei kontinuierlichem leichten Gefälle von Mais direkt beim Passeirer Tor nach Steinach und weiter in die Stadt rinnen.

Was ist aber eine Ritsch bzw. das Ritschenwasser? Es war das Nutzwasser zum Wäschewaschen, zum Entsorgen von Unrat, zum Fleischspülen usw. Der Mundartausdruck Riitsch „Wassergraben, Waal“ kommt aus dem Romanischen *rudža > dt. rütsche > mda. Riitsch; it. roggia. Vergleiche dazu die Flurnamen: Ratscheid, Rutscheid usw. Besonders aufgrund dieser Aufgabe war die Existenz dieser Brücke absolut unentbehrlich.

Zur Verstärkung des neu zu errichtenden Hohen Stegs (1503) wurde zusätzlich zum Steinpfeiler auf Maiser Seite als verlässlichere Grundlage auch ein Steinpfeiler auf Stadtseite errichtet. Der Steg war gangbar und mit einer auf beiden Seiten verschließbaren Stegtür ausgestattet. Den Stegschlüssel händigte der Stadtrat den beiden Kellnern zu Tirol (Kellenamt) aus, diese haben ye und albegen (immer) ainen schlüßl zum steg und fürnemblichen darumben gehabt, das sy die in Obermais ligenden herrschafftspau- und weingüeter des nachnen wegs halben deßt glegenlicher besichten, beschauen und bereüten. Als jedoch der Stadtrat erfuhr, dass der Verwalter im Kellenamte dieses Privileg mehr für eigene als für amtliche Zwecke nutzte, ließ der Magistrat ein anderes Schloss anbringen und verweigerte dem Herrn im Kellenamte den Schlüssel – außer gegen die Bezahlung der jährlichen Taxe von einem Gulden. Es sollte aber dem Verwalter mehr schaden als nützen, als er sich schließlich auf eigene Weise einen Schlüssel verschaffte. Das Schloss wurde neuerlich verändert. Der Schlosser, der augenscheinlich dem Verwalter beim Nachmachen des Schlüssels half, musste zur Strafe acht Tage bei Wasser und Brot in der Keiche (Gefängnis) verbringen (Elias Prieth, Beiträge zur Geschichte der Stadt Meran im 16. und 17. Jahrhundert, S. 175). Außer dem Bürgermeister erhielt auch die alte Frau Füeger gegen die Entrichtung einer jährlichen Taxe im Betrag von einem Gulden einen Stegschlüssel (vor 1542 besaß Feldzeugmeister Melchior Füeger beim Ansitz Hohensaal – den heutigen Englischen Fräulein – zwei Häuser). Grund des Verschließens des Stegs war wohl die Angst vor Verunreinigung des Brunnenwassers.

Am 23.01.1562 wurde gegenüber der Zenoburg der Möslbrunnen als Brunnenquelle (Trinkwasser) genutzt und über den hölzernen Steg auf die Sande (Kallmünz) geleitet. 1572 wurde der Hohe Steg erneut vom Hochwasser fortgetragen.

Beim Beschau der Viehweide am 28.03.1615 hatte man den hölzernen Hohen Steg so baufällig vorgefunden, dass man seinen Einsturz befürchtete, ein Neubau war notwendig geworden. Daher wurde am 18.01.1616 ein Contract über 1350 Gulden mit dem Maurermeister Andrä Tanner aus Brixen abgeschlossen, der eine neue steinerne Brücke bauen sollte. Dabei wurde das Holz der alten Brücke für den hölzernen Gerüstbau der neuen zweibogigen Steinbrücke verwendet.

Kaum war der Bau vollendet, als ein Hochwasser im August desselben Jahres die Rüstung (Provisorium) zerriss und Bogen und Steg zusammenbrachen. Tanner flüchtete daraufhin in die Schweiz, weil er befürchtete, dass ihm die Schuld des Zusammensturzes des Stegs in die Schuhe geschoben würde – und kehrte erst Ende November 1616 nach Brixen zurück. Wie dies der Meraner Stadtrath erfuhr, wurde Meister Tanner nach Meran vorgeladen, um sich mit ihm über die schwebende Angelegenheit zu besprechen. Meister Tanner kam am 15.12. nach Meran und (...) erklärte im Rath, daß er wegen des Einsturzes des Steges unschuldig sei; er wolle aber innerhalb dreier Tage einen neuen Kostenanschlag zum Neubaue vorlegen. Meister Tanner machte sich anheischig, den Steg um 900 Gulden herzustellen, nur müßten noch die ausständigen 150 Gulden bezahlt werden. Am 17.2.1617 wurde mit ihm der Akkord abgeschlossen, aber nur für 900 Gulden. Mit dem 1. März wurde der Bau begonnen und im nämlichen Jahre glücklich vollendet. (zit. nach C. Stampfer, 1889, 118 – 120)

Die Brückenbahn des Steinenen Stegs besteht aus Steinplatten, welche die „Ritsch“ (Wassergraben) abdecken. Die Brüstung und der Brüstungserker über dem Mittelpfeiler werden von Porphyrplatten bedeckt.

Im September 1893 werden zur Verbreiterung der Steinernen Stegs vom Obermaiser Gemeindeausschuss 400 Gulden bereitgestellt.

Der Steinerne Steg wurde 1987/88 saniert und mit einem Holzgerüst verkleidet, dabei wurde der Verputz erneuert und die Porphyrplatten verlegt. In Juli 1987 kam es zu einem heftigen Hochwasser, dem die Ufermauer auf Maiser Seite oberhalb des Stegs und vor allem beim Elisabethpark zum Opfer fiel (Vgl. dazu Meraner Stadtanzeiger 2012, Ausgabe 12). In der Rüstung verfing sich damals ein Baum (Mitteilung Herbert Winterholer).

Architektur und Kunst

Es handelt sich um eine zweibogige Steinbrücke, wovon der weite Bogen die Passer, der enge Bogen den Hang der Sommeranlage überspannt. Die beiden Landfesten befinden sich auf unterschiedlicher Höhe, auf Maiser Seite bei der Villa Abel etwas erhöht, auf Stadtseite bei der Villa Magnoler etwas tiefer gelegen. Über das leichte Gefälle konnte das Trinkwasser in der Ritsch von Obermais in die Stadt rinnen. Die Stirnseiten der Brücke bestehen aus kleinen bis mittelgroßen unbehauenen Steinen.

Die Brückenbahn der Fußbrücke ist mit Steinplatten gedeckt, darunter befindet sich die Ritsch. Die Brüstung ist gemauert und ragt links und rechts über die Breite der Bahn hinaus – gestützt von Kragsteinen. Abgedeckt ist die Brüstung mit Porphyrplatten, ebenso wie die kleinen halbkreisförmigen Öffnungen in der Brüstungsmauer.