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Bleibt Europa ein schöner Mythos?

„Ich habe Europa im Herzen“, hat der junge französische Staatspräsident Emmanuel Macron den Bürgern versichert. Erfreut über das Wahlergebnis äußerte sich Italiens Ministerpräsident Gentiloni: „Hoch lebe Präsident Macron. Eine Hoffnung geht durch Europa.“ Das große Zittern in Europa ist vorerst vorbei, das Schreckgespenst eines „Frexit“ hat sich verzogen.

Wo liegen die Wurzeln dieses so sehr strapazierten Wortes „Europa“? Vorerst schwebt uns ein schöner Mythos vor Augen, der seit dem 7. Jh. v. Chr. bis in die neueste Zeit oft in der Kunst dargestellt worden ist: Europa, die schöne Tochter des phönizischen Königs Agenor wurde von Zeus, in einen Stier verwandelt, entführt. Sprachwissenschaftler dagegen vermuten, dass die Wiege Europas, zwar nur der Entstehungsort seines Namens, im nördlichen Kanaan liegt. Demnach soll „Europa“ auf das nordsemitische Wort „ereb“ zurückzuführen sein; dieses bedeutet „dunkel, Abend, Westen“. Damit war das Land westlich von Griechenland, dort wo die Sonne unterging, gemeint. Europa ist also das „Abendland“, genau genommen das Gegenstück vom „Morgenland“.

Den Namen „Europa“ trägt auch einer der vier Jupitermonde, von G. Galilei im Jahre 1610 entdeckt. Die schöne Prinzessin Europa, geraubt vom König von Kreta, wurde vom Komponisten Antonio Salieri in der Oper „Europa riconosciuta“ glorifiziert; das Werk wurde bei der Einweihung des „Teatro alla Scala“ in Mailand 1778 uraufgeführt und enthusiastisch gefeiert. Das antike Bildnis der phönizischen Königstochter Europa finden wir auch im Porträt-Wasserzeichen und im Hologrammstreifen der 5 €, 10 € und 20 € Banknoten.

Vor Kurzem feierten die Granden der EU auf dem Kapitol in Rom 60 Jahre „Römische Verträge“, also die Geburtsstunde der Europäischen Gemeinschaft. Der „Brexit“ des vergangenen Jahres und unverkennbar rechtspopulistische Tendenzen ließen bei diesem Jubiläum nicht gerade euphorische Stimmung aufkommen. Die dabei abgefasste „Erklärung von Rom“ wurde vom Honorarprofessor Gabriel N. Toggenburg als ein „Dokument redegewandter Sprachlosigkeit“ bezeichnet. Dabei handelt es sich keineswegs um ein einmaliges Stimmungstief, denn schon 2006 vermeldete der FOCUS lapidar: „Die Bürger sind europamüde. Angela Merkel fordert jetzt eine Neubegründung des Projekts Europa.“ Nunmehr sind es vorwiegend Rechtspopulisten, die in der Bevölkerung Angst verbreiten und mit aufwieglerischen Parolen gegen die EU hetzen: „Volksvertreter, statt EU-Verräter“, „Heimat statt EU-Diktat“. Stammtischparolen wie “Daham statt Islam“ tragen in Österreich zu falsch verstandenem Patriotismus und Fremdenfeindlichkeit bei, und wenn Italiener die EU als „la più grande fregatura“ beschimpfen, so hat sich Angst zur Wut gesteigert. Die überspannten Populisten werden aber Lügen gestraft: Mit den Römischen Verträgen wurde das Fundament für die längste Friedensperiode in der europäischen Geschichte gelegt.

Ein Artikel aus der Rubrik Aufgelesen  von Dr. Luis Fuchs (lf)

Sie finden diesen Artikel im Meraner Stadtanzeiger 10/2017 und können die Ausgabe hier als PDF downloaden