Sie sind hier: Themen > 2017 > Interview > Der Vinschger Sonnenberg leidet

Der Vinschger Sonnenberg leidet

Stefano Minerbi vom Landesforstdienst über das Kiefernsterben im Vinschgau

Stefano Minerbi vom Landesforstdienst

Weite Waldabschnitte mit verdorrten Kiefern. Dieses Bild zeigt sich am Vinschger Sonnenberg immer öfter. Der Meraner Stadtanzeiger hat sich dazu mit Stefano Minerbi, dem Amtsdirektor-Stellvertreter des Landesamtes für Forstverwaltung, unterhalten. Stefano Minerbi hat 1979 an der Universität Padova das Doktorat in Forstwirtschaft abgeschlossen und ist seit 1982 bei der Abteilung Forstwirtschaft der Autonomen Provinz Bozen für den Bereich „Forstschutz“ zuständig. Zudem hat er mehrere Forschungsprogramme im Bereich der Waldschadensforschung, Forstpathologie, Entomologie, Ökologie, Klimatologie koordiniert.

Meraner Stadtanzeiger: Herr Minerbi, wer in den Vinschgau fährt, kommt an großen Flächen mit abgestorbenen Kiefern vorbei. Wie schlimm ist die Lage?
Stefano Minerbi:
Die Lage ist ernst zu nehmen. Besonders betroffen sind zurzeit die Weiß- und Schwarzföhren auf der Vinschgauer Sonnenseite. Es handelt sich um ein komplexes Schadbild, wobei zu vermerken ist, dass hier ca. 40 % des Kiefernbestandes gefährdet ist, jedoch nicht das gesamte Waldökosystem.

MS: Sind der Sonnen- und der Nörderberg gleich stark betroffen?
Stefano Minerbi:
Auf dem Nörderberg ist lediglich die Weißkiefer, vornehmlich auf Rückenlagen, bisher „erst“ leicht betroffen.

MS: Worauf ist das Waldsterben zurückzuführen?
Stefano Minerbi:
Insbesondere die Schwarzkiefer leidet unter jahrzehntelangem Befall durch den Kiefernprozessionsspinner (Thaumetopoea pityocampa). Verschiedenartige Bekämpfungsmaßnahmen gegen diesen Schädling sind in der Vergangenheit getroffen worden, zuletzt mit dem biologischen Präparat Bacillus thuringiensis. Eine Ausrottung des Kiefernprozessionsspinners ist allerdings nicht möglich, solange der Wirtsbaum besteht. Die Witterung der letzten zwei Jahre hat weiters dazu beigetragen, diese angespannte Lage zu verschärfen: Die Trockenheit des Winters 2015-16, aber insbesondere jene des letzten Winters und Frühjahrs haben den Kiefernbestand geschwächt, dafür den Befall durch verschiedene Borkenkäferarten wie den Großen und den Kleinen Waldgärtner (Tomicus sp.) und den Sechszähnigen Kiefernborkenkäfer (Ips acuminatus) gefördert. Witterungsbedingt haben sich auch verschiedene Pilzinfektionen wie das Triebschwinden der Kiefer (Cenangium ferruginosum und Sphaeropsis sapinea) ausgebreitet.

MS: An welchen Merkmalen wird festgestellt, ob ein Baum bzw. ein Waldabschnitt als „geschädigt“ gilt?
Stefano Minerbi:
Eine Schädigung zeichnet sich ganz allgemein durch eine Verfärbung bzw. durch das Abdörren des Baumes oder ganzer Baumgruppen aus. Von Fall zu Fall wird vom Forstpersonal die Schadensursache begutachtet: z.B. Fraßschäden durch die Raupen des Kiefernprozessionsspinners, Nadelausfall durch Pilzinfektionen, Abdörren des Baumes infolge Käferbefall oder Trockenstress usw.

MS: Welche Faktoren beeinflussen das Waldgeschehen?
Stefano Minerbi:
Das Waldgeschehen wird von Jahr zu Jahr hauptsächlich vom Witterungsverlauf geprägt, wobei einer Schwächung des Waldbestandes eine Förderung der Schädlinge gegenübersteht.

MS: Spielen Schädlinge und der Klimawandel eine wichtige Rolle?
Stefano Minerbi:
Mit Ausnahme des Menschen gibt es in der Natur keine Schädlinge! Als solche werden Lebewesen bezeichnet, welche einen (für den Menschen) wirtschaftlichen Schaden verursachen, im Wald tragen diese aber zum Gleichgewicht des Ökosystems bei. Solange „Schädlinge“ den Wald bewohnen, lebt der Wald!

Witterungs- bzw. klimabedingt oder auch durch menschlichen Einfluss können sich die Populationen von Schädlingen vermehren, aber dann wieder verschwinden. Der Klimawandel gilt in diesem Zusammenhang als störendes Element, welches in Zukunft eine zunehmend stärkere Rolle spielen wird.

MS: Liegt die Hauptschuld also beim Menschen?
Stefano Minerbi:
Direkt oder indirekt trägt der Mensch auch die Verantwortung für das Umkippen natürlicher Gleichgewichte in der Umwelt, so auch im Wald. Die künstlich eingebrachten Schwarzföhrenbestände haben als vorbereitende (Pionier-)Baumart auf extremen, bodenarmen, trockenen Standorten ausgedient. Der Klimawandel hat diese natürliche Entwicklung beschleunigt. Während durch den Temperaturanstieg in den letzten Jahrzehnten (im Vinschgau über 1 Grad im Jahresdurchschnitt) die Bestände anfälliger gegenüber Trockenstress und Schädlingen geworden sind, hat sich der Kiefernprozessionsspinner als Wärme liebende Schmetterlingsart sowohl geographisch als auch höhenmäßig ausgebreitet, wie ein Vergleich zwischen 1995 und 2016 deutlich macht:

  • 4 km nach Norden von Glurns bis Kloster Marienberg (von 1.000 auf 1.300 m ü.d.M.)
  • 4 km nach Süden von Prad bis Stilfs (von 900 auf 1.300 m ü.d.M.)
  • Laaser Leiten (von 1.200 auf 1.500 m ü.d.M.).

Der Übergang zu ökologisch stabilen Laubmischwäldern wäre bereits noch vor dem heutigen klimatisch bedingten Zusammenbruch fällig gewesen (!). Leider wird die natürliche Verjüngung des Altbestandes durch die überhöhte Wilddichte verhindert, da kein Pflänzlein ohne entsprechenden Schutz vor Wildverbiss die geringste Überlebenschance hat. Waldbaulich betrachtet liegt das Problem weder bei der außergewöhnlichen Massenvermehrung des Kiefernprozessionsspinners noch beim Schwarzföhrenbestand, welcher als Pionierbaumart bereits ausgedient hat. Das Problem liegt vielmehr beim Ausbleiben der Naturverjüngung als Folge der übermäßigen Wilddichte, wodurch das Waldökosystem und seine nachhaltige Funktion zum Schutz des Bodens und der Wohnsiedlungen beeinträchtigt wird.

MS: Welche Maßnahmen hat der Landesforstdienst getroffen, um dem Waldsterben Einhalt zu gebieten?
Stefano Minerbi:
Kurzfristig zählen zu den phytosanitären Maßnahmen (d.h. Bekämpfung mit Bacillus thuringiensis) die ständige Überwachung der Populationen des Kiefernprozessionsspinners sowie anderer Insekten und Pilzkrankheiten durch den Forstschutzüberwachungsdienst und deren Bekämpfung, weiters das Schlägern befallener Bäume. Mittel- bis langfristig zielen waldbauliche Maßnahmen auf die Umstrukturierung des Kiefernbestandes in einen Mischwald.

MS: Zeigen diese Maßnahmen bereits konkrete Wirkungen?
Stefano Minerbi:
Durch phytosanitäre Maßnahmen konnte der Befall durch den Kiefernprozessionsspinner in Grenzen gehalten werden, vor allem, um die Bevölkerung vor Gesundheitsschäden wie Hautreizungen, Juckreiz, Augen- und Schleimhautentzündungen, asthmatischen Beschwerden und Fieber zu schützen. Die Umwandlung des Schwarzföhren-Altbestandes in einen Mischwald ist mit einem erheblichen Arbeits- und Geldaufwand verbunden, da die aufgeforsteten Flächen eines Wildschutzes bedürfen.

MS: Welche Baumarten eigen sich im Vinschgau besonders gut zur Aufforstung, welche sind ungeeignet?
Stefano Minerbi: Zur Aufforstung werden ausschließlich einheimische, standortangepasste Laubbaum­arten verwendet. Besonders geeignet erweisen sich die äußerst trockenheitsresistente Blumenesche und die Vogelkirsche, während Flaumeiche, Nussbäume, Edelkastanie, Birken und Pappeln sowie andere Laubbaumarten und Sträucher von alleine ihren Lebensraum in den unter Wildschutz stehenden Flächen finden. Diese Verjüngungszellen bieten weiterhin Schutz und Unterkunft für zahlreiche Tierarten. Es sind Oasen der Biodiversität.

MS: Wer führt die Aufforstungsarbeiten durch?
Stefano Minerbi:
Die Aufforstungsarbeiten werden in Eigenregie vom Forstinspektorat Schlanders durchgeführt.

MS: Sind auch andere Gebiete in Südtirol vom Waldsterben betroffen?
Stefano Minerbi:
In Südtirol halten sich die Waldschäden glücklicherweise in Grenzen.

MS: Umfasst das Waldsterben den gesamten Alpenraum?
Stefano Minerbi:
Im gesamten Alpenraum erfahren Kiefer standort- und klimabedingt einen Rückgang zugunsten der Laubbaumarten. Im Zusammenhang mit der allgemeinen Globalisierung und der Zunahme von länder- und kontinent­überschreitendem Waren- und Personenverkehr stellen sogenannte „invasive Arten“ eine Bedrohung für die Waldbestände des Alpenraumes dar. Es sind dies insbesondere Insektenarten wie die Kastaniengallwespe, die Japanische Ulmenblattwespe, die Lindenminiermotte, die Kirschessigfliege oder Pilzkrankheiten wie das Eschentriebsterben, welche bereits auch in Südtirol Fuß gefasst haben.