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Die Kunsthandwerker Gold- und Seidensticker

Berufe vergangener Zeiten

Die Gold-, Silber- und Seidensticker bzw. Näher galten als ausgesprochene Kunsthandwerker, die verschiedene Grundstoffe wie Seide, Samt und Brokat, aber auch Baumwolle, Leinen oder Wolle genauso wie Tuch und Leder mit drellierten Gold- und Silbergespinsten sowie farbigen Seidengarnen und Perlen bestickten. Allen gemeinsam ist, dass sie künstliche Figuren mit dem entsprechenden Material stickten, wobei Geschicklichkeit gefordert war. Es handelt sich um eine sehr alte Kunst, die zunächst insbesondere in China und Japan beheimatet war und später durch die Byzantiner in der abendländischen Kultur Aufnahme fand. In den europäischen Städten begegnet uns diese Prunkstickerei seit dem Hohen Mittelalter, wo sie im Auftrag des Adels und des reichen Bürgertums ausgeführt wurde. Im 17. und 18. Jahrhundert blühte diese Technik wieder auf und zwar besonders in Spanien, Italien, Frankreich und Deutschland.

 

Die Stickerei

Die Hauptwirkung der Stickerei beruhte auf der wechselnden Anordnung der verschiedenen Sticharten bei den mehr oder minder erhaben gehaltenen Formen. Glänzende und matte Gold- und Silberkantillen, Flitter, Folien, Perlen und bunte Steine erhöhten noch die Wirkung. Der Stickgrund wurde auf einem kräftigen Stickrahmen aufgespannt und das entsprechende Muster oder Motiv auf den Stoff übertragen. Gestickt wurde in verschiedenen Techniken mit einer Goldspindel und bei stärkerem Unterstoff mit einer Ahle zum Vorstechen. Man unterschied zwischen der Anlegetechnik, bei der entweder das einfache Aufnähen der Goldfäden oder Schnüre erfolgte, die entweder sichtbar oder unsichtbar mit Überfangstichen festgehalten wurden, die Kordeltechnik, die ähnlich der Anlegetechnik ausgeführt wurde, nur dass sämtliche Formen über gespannte Schnureinlagen, den sogenannten Kordeln, angelegt wurden, das Stechen, wobei die Musterfiguren mit geraden oder schrägen Plattstichen bedeckt wurden, das Sprengen, wo der Faden über die Formen hin- und zurückgeführt und nach jedem Legen mit ein oder zwei Stichen festgehalten wurde und letztendlich die Fantasiestickerei mit Kantille und Flitter.

Bei erhaben zu stickenden Figuren wurden die Formen mit Baumwolle unterstickt oder erhielten eine Karton- bzw. Lederunterlage.

 

Historische Belege

Dieses Kunsthandwerk wurde nicht nur von weltlichen Meistern ihrer Zunft, sondern zudem in verschiedenen Klöstern gepflegt; wertvoll bestickte Kirchenparamente, Messgewänder, allgemeine Klosterarbeiten usw. zeugen davon. Kirchliche Würdenträger und der Adel schätzten derartige Stickereien. Belegt wird dies durch kirchliche Verzeichnisse oder profane Kostenaufstellungen, wie eine Innsbrucker Abrechnung des Herzogs Sigmund des Münzreichen von 1475, in der sich die Summe für die Ausgaben des Seidennähers mit 14 Mark zu Buche schlägt.

Merans Gold- und Seidensticker/ näher, mussten – wie alle städtischen Gewerbetreibenden – ihren Tribut an die örtliche Stadtverwaltung entrichten. So sind dem Meraner Stadtsteuerregister von 1492 gleich zwei Handwerker dieses Berufszweiges samt ihrer Steuerschuld zu entnehmen und zwar: Marx Seydenater, der 3 lb perner und maister Kuenrat Seidnnater, welcher 1 lb zu leisten hatte.

Aufschluss über die Themenwahl einer Stickarbeit gibt die Beschreibung von drei größeren und drei etwas kleineren Stickwaren, welche im Inventar von 1727 des Obermaiser Gold- und

Seidenstickers Johan Baptist Scartazini festgehalten ist: „(…) Aúf gearbeitete Stuck // 3 grosse von herrn Ableibers aúf // gemachte Seiden Stuckh // halten in sich, das erste, die // erlesung des Israelischen Volckhs, // welche die Ester erhalten, // das 2. der König „Solomon“ im Thron sizend, // vnd die yber sein weisheit verwún // derende Königin. Das 3te in gleicher grösse zeiget einen feld Obrister, der sich a(l)s // ankhonfft einer Harpfe // schlagenden Weibspersohn hoch ver // wúndert. Mer 2 Stúckh etwas clener // das erster Stollent dor die // „Schand“, wólche dem feldobrist // das haúpt aúf den Poden genagelt, // das 2. die Dalilae, die dem // Samson die Haar benimbt // vnd ein clainer, ein Vnser // Lieben Fraúen Stickhl (…)“

Die geschilderten Figuren stammen großteils aus Überlieferungen des Alten Testaments. Im ersten Bild wird auf das Purimfest verwiesen, ein Freudenfest zur Erinnerung an die Errettung der Juden durch die Königin Esther vor dem Anschlag Hamans während der persischen Diaspora. Die Bezeichnung der zweiten Seidenstickerei entspricht dem Abbild des Königs Salomon und seiner Gattin, wohl jenes der Königin von Saba. Salomon ist ob seiner Weisheit und für den Frieden, den er seinem Land bescherte, bekannt. Er öffnete das Reich gegenüber anderen Kulturen und Religionen, was ihm bei vielen Völkern großes Ansehen verschaffte. Eine Harfe spielende Frau, welche das Staunen eines Feldobrists hervorruft, bildet das Thema der dritten Darstellung. Die Harfe (Kinnor) wird im Alten Testament des Öfteren erwähnt und gilt gleichfalls als Attribut des Königs David.

Die Kennzeichnung einer etwas kleineren Stickerei verweist wohl auf das Deborahlied, demzufolge Israels Feind Jabin von „der größten Schande“ erfuhr, von einer Frau besiegt worden zu sein und wo Jael einen Zeltpflock und einen Hammer nahm, um dem Heerführer und Frevler Sisera den Pflock durch dessen Schläfen in den Boden zu nageln.

Auf der zweiten kleineren Stickerei schneidet Delila dem Samson die Haare. Samson, der in Delila verliebt war, hatte als Nasiräer sein Leben dem Dienst des Herrn geweiht und dabei unter anderem das Gelübde abgelegt, dass kein Schermesser sein Haupt berühren werde, sondern dass er sein Haar ganz frei wachsen lassen werde. Dadurch blieb er für die Philister unbesiegbar, wodurch er die Unterdrücker Israels oftmals besiegte. Er verriet aber dieses Geheimnis Delila, die es an ihre Landsleute weitergab, worauf er gefangen genommen, geblendet und geschoren wurde und somit – bis die Haare wieder nachgewachsen waren – seine Kraft verlor.

Auf dem letzten kleinen Textilstück war, laut Inventaraufzeichnung, ein Unser Liebfrauen-Abbild gestickt.