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Erdbau: Recycling auf hohem Niveau

Erdbau beschäftigt derzeit 140 Mitarbeiter

Nach den Krisenjahren verzeichnet die Bauwirtschaft wieder einen Aufwärtstrend. Vor allem die Tourismusbranche hat damit begonnen, neue Strukturen zu errichten bzw. bestehende zu sanieren. Bei jedem Abriss entstehen bekanntlich Tonnen an Bauschutt, für die es einen Platz zu finden gilt. Allein schon aus rechtlichen Gründen wäre es heute nicht mehr möglich, das Altmaterial in der Falschauer-Etsch-Mündung zu deponieren, so wie es früher in den 70er-Jahren Brauch war. Südtirolweit entstehen jedes Jahr 1 Mio. Tonnen Bauschutt, welcher zu 90 % verarbeitet wird, aber nur ein Teil davon findet eine angemessene Wiederverwendung. Deshalb müssen neue, innovative, ökologisch vertretbare Lösungen her. Darauf hat sich das Meraner Traditionsunternehmen Erdbau spezialisiert, das sich seit drei Generationen in den Händen der Familie Auer befindet. Dank der effizienten Arbeitsstrukturen und der nachhaltigen Verwertungsmethoden ist die Firma, die in Sinich eine der modernsten Recyclinganlagen Europas betreibt, zum Marktführer in Südtirol aufgestiegen.

60 Jahre Erfolgsgeschichte

Seit fast 60 Jahren ist die Familie Auer im Erdbewegungsbereich tätig. „Mein Großvater Ignaz Auer gründete 1959 ein Schotterwerk auf der Töll“, erklärt Andreas Auer, der mittlerweile in die Fußstapfen seines Vaters Albrecht getreten ist und die Betriebsleitung gemeinsam mit seinen zwei Brüdern Michael und Georg übernommen hat, „seit damals hat sich in der Arbeitsweise viel geändert; heute ist es eine Selbstverständlichkeit, die Materialien auf mögliche Schadstoffe zu prüfen, ehe sie weiterverarbeitet werden.“ 1966 übersiedelte das Schotterwerk nach einer Überschwemmung in die Passer-Etsch-Mündung. In den 1970er-Jahren trat Albrecht Auer in den Betrieb ein und begann mit der Erdbewegung, auf die sich die Firma Erdbau fortan konzentrierte. Damals war es Brauch, das Material irgendwo in einem Tal zum Auffüllen zu verwenden. Der Großteil der Menge wurde im Falschauer-Delta entsorgt. Ende der 1980er-Jahre setzte die Landesregierung dem willkürlichen Abladen in der Mündung ein Ende, indem sie das Gebiet in ein Biotop umwandelte. In der Folge entstand im Burggrafenamt ein Deponienotstand für Baurestmassen. Aus diesem Grund entstand die Idee der Wiederverwertung. „Mein Vater hat erkannt, dass Altmaterialien kein Abfall sind, sondern wiederverwendet werden sollten. Daher gilt es, Ressourcen zu nutzen statt sie zu vergraben, und um dies umzusetzen, siedelte sich das Unternehmen in Sinich an. Im Laufe der Zeit veränderten sich auch die Methoden und die Qualitätsansprüche“, weiß Andreas Auer. „Wir bewegen Erde und werfen nichts weg“ lautet auch der Firmenspruch der Erdbau. So entstehen aus Abbruchmaterialien wiederverwertbare Produkte. Das Unternehmen, das derzeit 140 Mitarbeiter beschäftigt, betreibt südlich von Sinich eine hochmoderne Recyclinganlage auf 60.000 m² sowie eine zweite, kleinere Niederlassung in Naturns, welche 6.000 m² groß ist.

Die Spezialisten in Erd- und Abbrucharbeiten

„Der Schwerpunkt unserer Arbeit“, erklärt Juniorchef Michael Auer, „liegt darin, Gebäude abzubrechen und den dabei entstehenden Bauschutt nach Möglichkeit wieder zuverwenden.“ Jeder Abbruch erfolgt nach strengsten Sicherheitsvorkehrungen. „Wir achten darauf, die sogenannten Störstoffe – Plastik, Holz, Styrodur und Styropor – vom übrigen Material zu trennen. Letztere werden dann getrennt entsorgt“, sagt Auer. Der sortierte Bauschutt wird auf diese Weise zu Kies bzw. Grobkies gemahlen. „Bei Bedarf mischen wir dann die Kiesmengen wieder zusammen und bringen sie als fertige Produkte auf den Markt“, fügt der Firmenchef hinzu. In den vergangenen Jahren hat sich das Unternehmen südtirolweit einen Namen gemacht. Der Gesamtabbruch des Algunder Obstmagazins oder des Bozner Müllverbrennungsofens und der Abbruch des Grieserhofes in Bozen sind nur ein Teil der bekanntesten Abbrucharbeiten, auf die der Sinicher Familienbetrieb zurückblicken kann. Ein wahres Meisterwerk gelang der Firma Erdbau in Auer, wo die alte Autobahnbrücke in nur vier Stunden abgetragen wurde.

Straßenbau: ökologische Wiederverwendung von Abfallprodukten

Das Recyclingmaterial, welches nach den Abbrucharbeiten aus dem Bauschutt gewonnen wird, findet häufig im Straßenbau eine neue Verwendung. So gelingt es, die ökologische Belastung wesentlich zu reduzieren und gleichzeitig neue Infrastrukturen zu bauen. Je nach Straßentyp und -lage stellt die Firma Erdbau besondere Materialmischungen her – etwa das MeBo-Mix, welches beim Bau der MeBo zwischen Marling und der Ausfahrt in Sinich zur Anwendung gekommen ist. Zu den Referenzen des Unternehmens gehören auch die Lieferung und der Einbau des gesamten Straßenaufbaus beim Fahrsicherheitszentrum in Pfatten sowie sämtliche Tiefbauarbeiten bei der Tiefgarage am Sandplatz im Herzen der Meraner Altstadt. Auf ein Projekt ist Michael Auer besonders stolz, nämlich auf das erste Baulos des Küchelbergtunnels: „Die neue unterirdische Stadtzufahrt hat für die Bevölkerung Merans riesige Vorteile gebracht. Erdbau ist auch bei einem Teil des Jahrhundert­bauwerks BBT in Innsbruck dabei, vor allem in der Erdbewegung des Tunnelausbruchmaterials.

Strengste Umweltauflagen im Recycling-Bereich

Aufgrund der immer strengeren Umweltauflagen ist es für das Unternehmen selbstverständlich, die Materialien im hauseigenen Labor genau zu kontrollieren. „Während des gesamten Wiedergewinnungsprozesses führen wir stichprobenartige Kontrollen durch“, erklärt Andreas Auer. Ein Kilogramm Material wird dabei in zehn Liter mit CO2 angereichertem Wasser eingetaucht; nach 48 Stunden überprüfen die Techniker die Wasserqualität. Dieses Wasser darf ein Maximum an Reststoffen beinhalten; wird dieses überschritten, ist ein erneuter Reinigungsvorgang notwendig. „Die Grenzwerte erreichen fast schon Trinkwasserwerte“, fügt Auer hinzu.

Rem Tec

Gemeinsam mit der Ladurner-Gruppe beteiligt sich die Firma Erdbau an der Rem Tec, die auf die Altlastensanierung und die Behandlung von Industrieabfällen spezialisiert ist und sechzehn Mitarbeiter beschäftigt. Zudem übernimmt das Unternehmen den Abbau und die Entsorgung von asbestkontaminierten Böden und Gebäuden. In den vergangenen Jahren hat sich die Rem Tec durch die Bonifizierung des ehemaligen Gaswerks in Meran einen Namen gemacht. „Insgesamt haben wir 200.000 t an belastetem Material verarbeitet“, erklärt Andreas Auer, der gleichzeitig auch der Präsident der Rem Tec ist. Das hauseigene Labor analysiert die Gefahrenstoffe, die in den kontaminierten Materialien vorhanden sind. Das Unternehmen führt die Aufbereitungsarbeiten in geschlossenen Hallen am Firmensitz aus, sodass aufwendige Transporte zu Sonderdeponien wegfallen. Beispiele sachgerechter Entsorgungen sind diverse ehemalige Tankstellenareale sowie verschiedene Raststätten auf der Brenner­autobahn. „Bei den Tankstellen bilden die Kohlenwasserstoffe das größte Problem“, erklärt Andreas Auer. Die Rem Tec übernimmt auch die gesamte Planung und die Vorarbeiten, auf die dann die eigentliche Wiedergewinnungsarbeit folgt, etwa beim Edison-Umspannwerk in Sinich. Auch bei den kontaminierten Materialien und Böden gilt das Kriterium der ökologisch-wirtschaftlichen Wiederverwertung: „Unser Ziel ist es, einen kontaminierten Stoff wieder in einen Wertstoff umzuwandeln“, fügt Auer hinzu.

Meisterwerk MEMC-Sanierung

Zu Beginn der 1990er-Jahre sanierte Erdbau das Industrieareal, auf dem sich derzeit die MEMC-Produktionsstätte befindet. „Der Boden war als Folge der Industrietätigkeit der 1960er- und 1970er-Jahre mit Arsen, Blei und Quecksilber kontaminiert“, erinnert sich Andreas Auer. Am Ende der Kravoglstraße entstand auf diese Weise ein künstlicher Hügel, eine „In-Situ-Deponie“. „Unsere Techniker haben die Erdmasse „eingepackt“ und mit speziellen Abdichtungen verschlossen“, erklärt Auer. Zusätzlich befindet sich unter dem Hügel eine Lehmschicht, die verhindert, dass das kontaminierte Erdreich mit dem Grundwasser in Kontakt kommt. Bei starkem Regen senken zudem die Techniker der MEMC den Grundwasserspiegel, sodass eine Kontaminierung vollkommen ausgeschlossen werden kann.

Sollte das benachbarte Solland-Werk seine Tätigkeit endgültig herunterfahren, wären die Firmen Erdbau und Rem Tec dazu bereit, die Sanierung zu übernehmen. Die Unternehmen könnten das Areal bonifizieren und dabei eine weitere In-Situ-Deponie errichten. „Gleichzeitig entstünde an der Stelle der heutigen Polysiliziumanlage eine neue Handwerker- und Gewerbezone, sozusagen eine Erweiterung der bestehenden Zone in der Kravoglstraße“, erklärt Andreas Auer. Davon würde auch die Fraktion Sinich und deren Bevölkerung profitieren, zumal die strengen Sicherheitsauflagen – die sogenannte Seveso-Richtlinie – wegfielen. Eines stellt Auer jedoch klar: „Unser Vorschlag ist Plan B, wir warten zunächst die Arbeit des Masseverwalters ab.“

Steinschlagschutz in Sinich

Viel Aufsehen erregte vor einigen Jahren der riesige Felsabbruch hinter den Handwerksbetrieben in Sinich, bei dem glücklicherweise niemand zu Schaden kam. Jetzt wird auf der In-Situ-Deponie ein neuer Steinschlagschutz gebaut. Das Projekt sieht den Bau mehrerer Steinwälle vor, die das Gewerbegebiet Kravogel vor zukünftigen Steinschlägen schützen. Die Firma Erdbau hat nun die Ausschreibung gewonnen. „Die Arbeiten haben bereits begonnen“, erklärt Andreas Auer. Für die Aufräumarbeiten und den zukünftigen Schutzwall für die Handwerksbetriebe hat die Gemeinde ein Ausführungsprojekt in Auftrag gegeben.

Kompostierung, die „grüne“ Wiedergewinnung

Erdbau übernimmt neben der Bauschuttwiedergewinnung für die umliegenden Ortschaften auch die Grünmüllkompostierung. „Die einzelnen Gemeinden sammeln den Grünmüll und bringen ihn dann regelmäßig in unser Werk nach Sinich. Das Material wird ungefähr anderthalb Monate vorkompostiert, ehe es dann gesiebt wird. Die gröberen Stoffe, etwa Holz, trennen wir von den Feinstoffen, letztere werden dann kompostiert“, erklärt Auer. Und was geschieht mit dem ausgesonderten Holz? „Es gelangt in die Biomasse, wo Hackschnitzel hergestellt werden.“ Nur jene Stoffe, bei denen eine Wiedergewinnung und -verwendung vollkommen ausgeschlossen ist, gelangen schlussendlich in die Müllverbrennungsanlage nach Bozen.

Infrastruktur und Transport

Auch im Bereich Tiefbau kann Erdbau auf eine langjährige Erfahrung zurückblicken. Das Unternehmen führt Infrastrukturarbeiten in den diversen Bereichen, d.h. Kanalbau und Verlegung bzw. Sanierung von Leitungen, durch. Bekannte Projekte, die die Firma Erdbau in den vergangenen Jahren realisiert hat, betreffen etwa die Verdistraße, den Sandplatz sowie den Abschnitt der Romstraße zwischen Untermais und Sinich, aber auch die Infrastrukturarbeiten in der ehemaligen Bosin-Kaserne.

Die anfallenden Transporte erfolgen dann auf hochmodernen LKWs, von denen der Großteil zur Umweltklasse Euro 5 gehört. Umweltverträglichkeit ist nämlich in allen Tätigkeitsbereichen ein strenges Muss. „Im Transportbereich arbeiten wir des Öfteren mit starken lokalen Partnern zusammen“, fügt Georg Auer, der jüngste Juniorchef hinzu. So gewann Erdbau beispielsweise in einer Bietergemeinschaft mit dem Bauunternehmen Josef Mair aus Prad am Stilfserjoch den Auftrag, um die ausgetauschten Frigele-Wasserleitungsrohre abzutransportieren, die Asbest enthalten.

Transcontainer: Recycling auf der Baustelle

Die Firma Erdbau ist nun seit 25 Jahren Gesellschafter bei der Firma Transcontainer, welche darauf spezialisiert ist, Lösungen im Recyclingbereich für Baustellen anzubieten. Das Unternehmen beschäftigt derzeit neun Mitarbeiter und liefert Absetzcontainer verschiedener Größen und Modelle. Eine geordnete und ökologisch vertretbare Abfallentsorgung wird auf diese Weise auch direkt auf den Baustellen gesichert, da durch die Trennung der verschiedenen Abfallgruppen eine Vorarbeit für das Recyclingwerk geleistet wird.

Nachhaltigkeit im Vorder- und Hintergrund

Bei allen Tätigkeiten, die das Sinicher Traditionsunternehmen durchführt, stehen die ökologische Verantwortung und Vertretbarkeit immer an erster Stelle. Andreas Auer ist auch der Präsident des Südtiroler Bauschuttkonsortiums, dem 22 Recyclingunternehmen aus dem ganzen Land angehören, und weiß um die ökologische Verantwortung, die mit seinem Beruf einhergeht, genau Bescheid: „Jedes Jahr werden in Südtirol 1 Mio. Tonnen Bauschutt verarbeitet. Diese Materialmenge reicht aus, um eine Sattelschlepperkolonne von Meran bis Rom zu bilden.“ Dass es allein schon wegen der riesigen Mengen eine Lösung in näherer Umgebung bräuchte, ist verständlich. Viele Gemeindeverwalter wollen keine Abfalldeponien auf ihrem Gebiet und bevorzugen es, das ungewünschte Altmaterial in weiter Ferne zu entsorgen. „Den gesamten Bauschutt in den deutschen Großdeponien zu entsorgen, bietet auch wegen der enormen Kosten, die damit verbunden sind, keine tragbare Lösung“, weiß Andreas Auer. Es brauche vielmehr eine ökologisch und ökonomisch tragbare Entsorgung, die nach Möglichkeit direkt am Ort stattfinden sollte. An einer solchen Lösung arbeitet die Firma Erdbau seit Jahren – durchaus mit Erfolg!

Ein Artikel aus der Rubrik Titelthema  von Philipp Rossi (pr)

Sie finden diesen Artikel im Meraner Stadtanzeiger 22/2017 und können die Ausgabe hier als PDF downloaden