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In Meran gibt es praktisch keine „verkehrsarmen Zeiten“!

Florian Mussner

MS: Die Stadt Meran feiert heuer ihre 700 Jahre. Dabei geht es nicht nur um „Vergangenheitsbewältigung”, sondern insbesondere auch um die Frage einer nachhaltigen Stadtentwicklung, besonders auch im Bereich Verkehrsnetz und Mobilität. Welche Rahmenbedingungen bietet diesbezüglich Ihre politische Agenda?
F. Mussner:
Durch die Zusammenführung dieser beiden Bereiche in einem Ressort ergeben sich gute Synergien, um Mobilitätsprojekte ganzheitlich zu planen und die jeweils beste Lösung umzusetzen. Nachhaltigkeit, Sicherheit und Lebensqualität stehen dabei im Vordergrund. Unsere Marschroute ist folgende: Unnötigen Verkehr auf den Straßen vermeiden, Mobilität auf öffentliche Verkehrsmittel sowie auf Fahrrad- und Elektromobilität verlagern, die verschiedenen Mobilitätsangebote optimal vernetzen und deren Qualität weiter verbessern. Genauso gilt es, den Verkehr auf den Straßen so zu gestalten, dass größtmögliche Sicherheit gewährleistet ist und dass Mensch und Umwelt möglichst wenig belastet werden.

MS: Der Verkehr in Meran hat heute – besonders in Zeiten der touristischen Hochsaison – die Grenze des Zumutbaren für Bevölkerung und Natur erreicht. Welches Verkehrsaufkommen ist in Zukunft vertretbar und wie soll es nachhaltig bewältigt werden?
F. Mussner:
Die Mobilität ist eine Errungenschaft, ein Grundbedürfnis unserer Gesellschaft und unserer Wirtschaft – mit allen Konsequenzen. Umso mehr ist es unsere Aufgabe, alles daran zu setzen, um Mobilität nachhaltig und umweltfreundlich zu gestalten und mit diesem Ziel vor Augen sind alle technischen und logistischen Möglichkeiten zu nutzen. Dass das Verkehrsaufkommen im Meraner Umland vor allem in den touristischen Hochsaisonen massiv ist, steht außer Frage.

Unsere statistischen Erhebungen an den Verkehrszählstationen zeigen seit den Jahren 2013/2014 einen jährlichen Verkehrszuwachs von rund 5 %, „verkehrsarme Zeiten“ gibt es mittlerweile praktisch keine mehr. Mit einem umweltbewussten und verantwortungsvollen Mobilitätsverhalten kann jeder Einzelne seinen Beitrag dazu leisten. Die Gemeinden und die Bevölkerung in Meran und Umgebung zeigen diesbezüglich eine große Sensibilität und ich bin überzeugt, dass wir in den kommenden Jahren weitere umweltfreundliche und zukunftsweisende Mobilitätsprojekte umsetzen können.

MS: Wie ist der neueste Stand bezüglich des geplanten Küchelbergtunnels?
F. Mussner:
Im Dezember vergangenen Jahres wurden die Arbeiten EU-weit ausgeschrieben, die Abgabe der Angebote erfolgte heuer im März. Mittlerweile ist deren Bewertung abgeschlossen. Laut aktuellem Zeitplan kann die Vertragsunterzeichnung im Oktober bzw. der Baubeginn im Dezember erfolgen.

MS: Welche Lösung schlagen Sie für das chronische Überlastungsproblem der Vinschgauer Straße bei Rabland/Töll/Forst vor?
F. Mussner:
Vor kurzem hat sich die Gemeinde Partschins für eine südlich von Rabland verlaufende Umfahrungsstraße ausgesprochen. Wir arbeiten nun am Vorschlag der Gemeinde weiter. Es sind vor allem noch weitere hydrologische Studien notwendig.

Für eine Neutrassierung bei der Töll gibt es eine Studie, die verschiedene Lösungen vorsieht.

MS: Wann werden wir mit einer modernen, zweigleisigen S-Bahn zwischen Bozen und Meran rechnen können?
F. Mussner:
Der Ausbau der Meraner Bahnlinie zählt zu unseren prioritären Projekten und sollte laut unserem Gesamtkonzept in den nächsten zehn Jahren schrittweise umgesetzt werden. Unsere diesbezügliche Studie wird derzeit mit der italienischen Betreibergesellschaft für das Schienennetz RFI abgestimmt. Ein Kernelement des Projekts ist der Tunnel unter dem Virgl, der eine separate Einfahrt der Meraner Linie in das „Nadelöhr“ Bozner Bahnhof ermöglicht.

MS: Wann soll die elektrifizierte Vinschger Bahn in Betrieb gehen?
F. Mussner:
Die Arbeiten und die erforderlichen Genehmigungsverfahren laufen auf Hochtouren und werden noch gut zwei bis drei Jahre dauern, wobei – wie bei allen größeren Projekten – vor allem die verwaltungstechnischen Prozeduren einen wesentlichen und nicht immer von vornherein kalkulierbaren Zeitaufwand erfordern. Mit einer doppelten Kapazität, mit Halbstundentakt und mit umweltfreundlichen elektrischen Zügen wird die Vinschger Bahn bereits in rund drei Jahren mit neuesten technischen Standards ausgestattet und für die künftigen Anforderungen gerüstet sein.

MS: Um nachhaltige Mobilität zu garantieren, muss auch der Fuhrpark im öffentlichen Personennahverkehr verbessert werden. Was sieht Ihre Agenda, besonders für das Burggrafenamt, vor?
F. Mussner:
Ein Großteil des lokalen Bahnverkehrs wird mittlerweile mit modernen, komfortablen Zügen abgewickelt, ein weiterer Ankauf von Zuggarnituren steht bevor. Auch die Busse werden schrittweise erneuert. Entsprechende Qualitätskriterien, darunter ein maximales Alter der eingesetzten Busse, sind im neuen Landesmobilitätsplan vorgesehen. Zudem zielen wir darauf ab, vermehrt Busse mit alternativen, emissionsfreien Antriebstechnologien einzusetzen. Zur Förderung der Elektromobilität für Private und für Unternehmen haben wir erst kürzlich ein umfangreiches Maßnahmenpaket verabschiedet. All dies sind Schritte dahin, unsere Position als „Green Region“ weiter zu festigen und die Lebensqualität im sensiblen Alpenraum langfristig zu sichern.

MS: Ist Südtirol ein Seilbahn-Land? Wie werden private Seilbahnen unterstützt?
F. Mussner:
Südtirol ist ein Seilbahnland. Die derzeit 369 Seilbahnen und Aufstiegsanlagen sind für unser Land und speziell auch in Meran und Umgebung ein bedeutender touristischer und wirtschaftlicher Faktor. Seilbahnen sind für ein Berggebiet die traditionellsten, zugleich die umweltfreundlichsten, bequemsten und innovativsten Mobilitätslösungen. Zunehmend an Bedeutung gewinnen sie im urbanen Bereich, wie kürzlich beim Weltseilbahnkongress der OITAF deutlich wurde. Als Landesverwaltung waren und sind wir stets bemüht, den Neubau sowie die Erneuerung von Seilbahnanlagen bestmöglich finanziell zu unterstützen. Jüngste Beispiele sind etwa der derzeitige Neubau der Seilbahn Burgstall-Vöran, die neue Texelbahn, Meran Naif–Piffingerköpfl (Meran 2000), Saring-Aschbach sowie das derzeit diskutierte Projekt einer Standseilbahn Meran-Schenna.

MS: Die Sicherheit auf Straßen ist oberste Priorität der Landesregierung. Trotz verbesserter technischer Voraussetzungen sowie neuer Infrastrukturen und der Sensibilisierungsmaßnahmen, was kann und muss noch getan werden, um z. B. die Sicherheit auf der MeBo zu erhöhen?
F. Mussner
: Sicherheit im Straßenverkehr hat für uns oberste Priorität. Hier setzen wir auf zwei Schienen: bauliche Maßnahmen und Sensibilisierung durch Kampagnen wie etwa „no credit“ und „SOS Zebra“.

Vor allem im Bereich Straßeninstandhaltung werden jährlich sehr viele Maßnahmen umgesetzt. Verbesserte Beschilderungen, Asphaltierungsarbeiten, Austausch von Leitplanken, Errichtung von Steinschlagschutzbauwerken, Erneuerungen von Anlagen in den Tunnels sind nur einige davon. Abgesehen von konkreten baulichen Verbesserungen gilt es, wie angesprochen, aber auch, die Verkehrsteilnehmer weiter für sicheres Fahren zu sensibilisieren. Erhebungen der Straßenpolizei haben zudem ergeben, dass auch und vor allem Ablenkungen durch Mobiltelefone, Radio usw. problematisch für die Sicherheit sind.

MS: Denkmalpflege: Welche Prioritäten setzen Sie für Meran? Welchen Betrag haben Sie in Ihrem Budget für Meran vorgesehen?
F. Mussner:
Wir verfolgen die Gesamtvision, Südtirols wertvolle Kulturschätze und Baudenkmäler für uns und vor allem die nachkommenden Generationen zu erhalten.

Mehr als 5.000 denkmalgeschützte Objekte im Land sprechen eine deutliche Sprache. Der Denkmalschutz ist in stetiger Entwicklung, er ist dynamisch, lebendig und ein unverzichtbarer Beitrag zu Erhaltung und Entwicklung unserer Identität. Beiträge werden hier von Fall zu Fall bewertet und bereitgestellt.

MS: Die Stiftung Navarini-Ungarte wird in der Villa Freischütz in Obermais ein kleines Museum errichten. Wird sich das Land finanziell für dieses Kleinod Merans engagieren?
F. Mussner:
Wir stehen seit Jahren mit der Stiftung in Kontakt und haben auch bei der Erstellung des Ausstellungskonzeptes beratend mitgewirkt. Im Rahmen des Landesprojektes der digitalen Kulturgütererhebung hat die Stiftung mit der Digitalisierung ihrer historischen Fotobestände bereits begonnen. Sobald das definitive Ausstellungskonzept im Sinne des neuen Museumsgesetzes und der derzeit entstehenden Förderkriterien förderungswürdig sein wird, kann die museale Tätigkeit finanziell unterstützt werden.

MS: Zum Abschluss: Was möchten Sie den Meranern zu ihrem 700-jährigen Jubiläum mit auf den Weg geben?
F. Mussner:
Was ich grundsätzlich jedem Menschen von Herzen wünsche, sind Gesundheit und Zufriedenheit; das ist das Wichtigste. Der Stadt Meran wünsche ich zum 700-jährigen Jubiläum, dass es weiterhin gelingt, diese einzigartige Stadt mit ihrem besonderen Flair auch für die kommenden Generationen lebens- und liebenswert zu erhalten.

MS: Vielen Dank für das Gespräch.

Ein Artikel aus der Rubrik Interview  von Eva Pföstl (ep)