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MEMC – Fluch oder Segen?

Wie gefährlich ist der Betrieb wirklich?


„Dieser Betrieb ist eine tickende Zeitbombe.“ Bürgermeister Paul Rösch hat eine klare Vorstellung über die Zukunft des Chemiewerks vor den Toren Merans, über den in den letzten Monaten heftige Wortgefechte ausgetragen wurden. Die Gerüchteküche brodelt, die Bevölkerung ist verunsichert. Stellt der Betrieb eine Gefahr für unsere Gesundheit dar? Werden die Sicherheitsauflagen eingehalten? Und wie geht es überhaupt nach dem Konkursverfahren weiter?

Der Meraner Stadtanzeiger hat mit dem Vorstand der MEMC gesprochen und versucht, ein möglichst objektives Bild der Lage zu zeichnen.

MEMC und Solland Silicon: zwei getrennte Betriebe

Auf dem 100.000 m² großen Firmengelände an der südlichen Stadteinfahrt von Meran befinden sich seit 2014 zwei unterschiedliche Betriebe, die zwar beide Chemieerzeugnisse herstellen, jedoch voneinander unabhängig sind. Der eine Betrieb, die SunEdison bzw. MEMC – in Italien lautet der offizielle Firmenname immer noch MEMC AG, obwohl der internationale Großkonzern SunEdison heißt –, arbeitet nach wie vor und beschäftigt fast 250 Mitarbeiter. Im anderen Betrieb, der Solland Silicon, die sich in einem Konkursverfahren befindet, steht die Produktion mittlerweile still; allein die für die Sicherheit im Betrieb zuständigen Experten sind noch beschäftigt. Bis vor drei Jahren, als sich die Unternehmensleitung der MEMC dazu entschloss, den Solland-Teil dem Unternehmer Massimo Pugliese zu veräußern, gehörte das gesamte Chemiewerk der MEMC.

90 Jahre Betriebstätigkeit

Die Meraner Fabrik entstand 1926 als eine der ersten Großindustrien überhaupt in Südtirol und stellte ursprünglich Düngemittel her. Der Übergang zum Chemiebereich erfolgte in den 1970er-Jahren. In den 1990er-Jahren wechselte die Firma ihren Namen von „Smiel“ zu MEMC. 1998 überschattete ein Betriebsunfall, der glücklicherweise glimpflich ausging, die erfolgreiche Firmengeschichte: Als Folge eines kleinen Brandes im Sinicher Werk stieg eine Giftwolke auf, die die im Umkreis wohnende Bevölkerung in Sorge versetzte. Niemand kam unmittelbar zu Schaden, doch die Angst war groß. 2009 expandierte das Unternehmen und baute ein neues Polysilizium-Werk, das dann 2014 unter dem Namen Solland Silicon an den kampanischen Unternehmer Massimo Pugliese verkauft wurde. Das plötzlich gestiegene Angebot an Polysilizium auf dem Weltmarkt durch chinesische Erzeugnisse führte dazu, dass die Solland ihre Wettbewerbsfähigkeit verlor und ein Konkursverfahren eingeleitet werden musste. Die SunEdsion verzeichnet dagegen immer steigernde Einnahmen und plant sogar eine Betriebserweiterung.

Die Produktionsabläufe in der MEMC

Hergestellt wird im MEMC-Werk monokristallines Silizium, welches dann in Novara, wo sich der zweite italienische Betrieb des US-amerikanischen Konzerns befindet, zu Siliziumscheiben weiterverarbeitet wird. Bei diesen „Scheibchen“ handelt es sich um sog. Halbleiter, die in den Innenteilen der Chips elektronischer Geräte, etwa Mobiltelefone, Anwendung finden. „Als Ausgangsstoff verwenden wir das Polysilizium, das bei 1.423°C geschmolzen wird. Danach wird das Material unter höchstem Druck zertrümmert und mit einem Dotierungsstoff machen wir das Material elektrisch leitfähig. Das gewonnene Monosilizium wird schließlich gedrechselt“, erklärt Mauro Pedrotti, der Präsident der MEMC AG. Die Solland Silicon, deren Produktion derzeit stillsteht, stellte dagegen das Polysilizium her. „Zwischen 2009 und 2014 konnten wir das Polysilizium direkt aus dem hauseigenen Werk erhalten, danach hat die neue Firmenleitung andere Marktstrategien verfolgt“, fügt Mauro Pedrotti
hinzu.

MEMC – eine Erfolgsgeschichte

„Unsere drei wichtigsten europäischen Kunden“, erklärt der Firmenleiter, „sind STMicro­electronics, ein Schweizer Unternehmen, das zwei Produktionswerke in Italien, in Agrate Brianza bei Mailand sowie in Catania, mit je 4.000 Angestellten besitzt, die Firma Infineon in Deutschland, den Halbleiterhersteller der Siemens sowie die holländische Firma NXP, welche den Elektrohersteller Philips beliefert.“ Die Konkurrenz kommt hauptsächlich aus dem Fernen Osten. „Wir sind der drittgrößte Marktanbieter weltweit“, ergänzt Mauro Pedrotti.

Weltweit beschäftigt der Konzern mehr als 7.500 Menschen, im Chemiewerk in Sinich sind es 250. „Die meisten Mitarbeiter kommen aus der näheren Umgebung“, betont Mauro Bertolini, der für das Personalmanagement in der Firma zuständig ist. Hochqualifizierte Ingenieure, für deren Fachgebiet es in einem Land wie Südtirol keine Ausbildungsstätten gibt, kommen von außen, etwa aus Bologna oder Turin. „Unsere Angestellten bleiben in der Regel lange Zeit der Firma erhalten. Ein Dienstalter von über zwanzig Jahren ist bei uns keine Seltenheit“, erklärt Personalmanager Mauro Bertolini.

Wie stark ist das Unternehmen in die regionalen Wirtschaftskreisläufe eingebunden? „Unsere Erzeugnisse haben zwar keine lokalen Abnehmer, aber wir arbeiten durchaus mit Klein- und Mittelbetrieben aus Meran und dem Burggrafenamt zusammen“, sagt Firmenchef Mauro Pedrotti. Als das neue Siliziumwerk 2009 gebaut wurde, hat das Unternehmen beispielsweise 250 Millionen Euro ausgegeben. „Großteils haben wir uns an hiesige Firmen gewendet“, so Mauro Pedrotti.

Sorgenkind Solland Silicon

Der Erfolgsgeschichte der MEMC steht die schwierige Lage der Solland Silcon gegenüber. Derzeit steht die Produktion still. Der Unternehmer, der das Werk 2014 übernommen hatte, kaufte große Mengen an Trichlorsilan – einem Gas, aus dem das von der Solland hergestellte Polysilizium gewonnen wird – an, in der Meinung, sofort mit der Produktion einer speziellen Art von Polysilizium, die für Photovoltaikanlagen verwendet wird, beginnen zu können. „2014 ist aber der Preis in den Keller gefallen. Chinesische Unternehmen haben den Markt mit dem Rohstoff gesättigt, von 27.000 t pro Jahr stieg das Angebot plötzlich auf 400.000 t“, erklärt Mauro Pedrotti. Folglich war das Meraner Siliziumwerk nicht mehr konkurrenzfähig.

Am 21. November 2016 hat das Landesgericht Bozen den Konkurs der Solland Silicon erklärt und den Meraner Rechtsanwalt Bruno Mellarini sowie Prof. Luca Mandrioli aus Modena zu deren Masseverwaltern ernannt. Landeshauptmann Arno Kompatscher hat daraufhin mit einem Beschluss die benachbarte MEMC aufgefordert, den Sicherheitsdienst im Betrieb zu überwachen und die dabei entstehenden Kosten zu tragen. Das Land habe die MEMC beauftragt, für die Sicherheit ihres ehemaligen Siliziumwerks zu sorgen, weil sie als einziges Unternehmen in der Lage sei, diese Aufgabe zu meistern. Seitdem die Produktion im Solland-Werk stillgelegt worden ist, befindet sich der Großteil der Angestellten in der Lohnausgleichskasse, für die das Nationale Fürsorgeinstitut INPS aufkommt. Allein die Sicherheitsbeauftragten werden noch beschäftigt; deren Lohn wird über die MEMC vom Land ausbezahlt. Im Juni ist der dritte Versteigerungsversuch für das Sinicher Unternehmen leer ausgegangen, da kein Käufer gefunden werden konnte. Gespräche mit Investoren aus dem Fernen Osten laufen zwar noch, allerdings rückt die Möglichkeit, das Chemiewerk endgültig zu schließen, näher. Dieser Schritt würde sich auch auf die Mitarbeiter, die sich in der INPS-Lohnausgleichskasse befinden, auswirken, zumal dieses Rechtsinstitut nur dann zum Zuge kommt, wenn die Betriebstätigkeit wiederaufgenommen werden kann. Für die über 100 Solland-Arbeiter könnte folglich eine Kündigung bevorstehen.

Die Schließung, das größte Problem

Eine Schließung des Solland-Werkes bringt zudem erhebliche technische Schwierigkeiten mit sich. „Die Trichlorsilanvörräte müssen wieder aus dem Betrieb entfernt werden. Hierbei handelt es sich um eine Tätigkeit, die wir selbst in der Vergangenheit noch nie durchgeführt haben und wofür wir selbst nicht genau wissen, ob unsere Ingenieure überhaupt das nötige technische Know-how besitzen“, erklärt Pedrotti. Diese Vorräte wurden nämlich nicht von der MEMC, sondern vom Unternehmer Pugliese, der das Solland-Werk 2014 gekauft hatte, eingespeist. Die Firmenleitung der MEMC hofft noch immer, dass sich ein Käufer findet, der das Siliziumwerk übernimmt. „Die Fabrik hätte eigentlich großes Potential, es bräuchte aber ein gut strukturiertes Managementkonzept“, gibt sich Mauro Pedrotti überzeugt. Den Betrieb herunterzufahren, wäre die letzte mögliche Lösung. „Es ist auch eine Frage der Berufsethik: Die Freude an der Arbeit liegt nicht darin, Arbeitsplätze zu vernichten, sondern den Menschen Perspektiven zu bieten“, glaubt Pedrotti. Eines steht fest: In zwei Monaten lässt sich das Solland-Werk nicht schließen. Das gesamte Verfahren nähme mindestens mehr als ein Jahr in Anspruch.

Die aktuelle Diskussion über die Sicherheit

Die Diskussion um die Sicherheit bzw. die potentiellen Gefahren für die Stadt Meran und deren Einwohner hängt eng mit der chemischen Beschaffenheit des Trichlorsilans, einer Verbindung, die durch die Reaktion von Chlorwasserstoff mit Silicium gewonnen wird. Die chemische Formel lautet SiHCl3. Bei chemischen Standardbedingungen, d.h. bei 0°C, handelt es sich um eine flüssige Verbindung. Der Siedepunkt liegt bei 32°C. Die Flüssigkeit ist farblos, raucht und weist einen stechenden Geruch auf. Kommt die Substanz mit der Luft in Kontakt, können spontane Entzündungen auftreten. Die Dämpfe von Trichlorsilan sind schwerer als die Luft und lagern sich deshalb am Boden an. Trichlorsilan ist ätzend und hochentzündlich und reagiert mit Wasser gefährlich, zumal giftige Gase entstehen. Gefahren für die menschliche Gesundheit entstehen beim Einatmen sowie beim Schlucken des Stoffes.

„Das ehemalige Solland-Siliziumwerk hat die Integrierte Umweltprüfung IPPC des Landes Südtirol bestanden“, bestätigt MEMC-Firmenleiter Pedrotti. Laut der Landesagentur für Umwelt handelt es sich bei dieser Umweltprüfung um „ein Instrument zur Vermeidung und Verminderung der Verschmutzungen in Luft, Wasser und Boden durch neue und bestehende industrielle und landwirtschaftliche Tätigkeiten mit hohem Verschmutzungspotenzial.“ Zudem besitzt der Betrieb auch internationale Umwelt- und Sicherheitszertifikate, welche bestätigen, dass sich das Unternehmen an die erforderlichen Schutzmaßnahmen hält. „Eine solche Anlage kann reibungslos geführt werden, selbst wenn in der Produktion Chemikalien verwendet werden, von denen potentielle Gefahren ausgehen können“, so Pedrotti. Die Industrie stelle ein wichtiges Potential für die wirtschaftliche Entwicklung eines Gebietes dar, in erster Linie durch die Schaffung neuer Arbeitsplätze.

Das Sicherheitsgremium

Alle 15 Tage trifft sich ein Sicherheitsgremium, in dem auch der Generalsekretär des Landes sowie Vertreter der Zivilschutzeinrichtungen sitzen, um die Lage zu besprechen.

Ein Artikel aus der Rubrik Titelthema  von Philipp Rossi (pr)