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Soldatenfriedhöfe in Meran



Nie wieder Krieg! Die Gedenksteine auf den Soldatenfriedhöfen rufen es zu Tausenden aus der kühlen Erde. Von wie vielen leidvollen Gefühlen und Erfahrungen könnte jeder Soldat in seinen letzten Lebensminuten aus den Schützengräben des Ersten und aus dem Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs erzählen? Wie viel Angst- und Entsetzensschreie würde er hinausschreien? Und dies gilt unterschiedslos für alle: „Sieger“ und „Verlierer“ gibt es im Krieg keine. Italienische, österreichische und deutsche Soldaten liegen nun gemeinsam auf den Gräberfeldern am Meraner Stadtfriedhof.

Auf der weiten Anlage des Stadtfriedhofs von Meran, der 1906 seinem Geschick übergeben wurde, befinden sich auch drei Soldatenfriedhöfe. Es sind dies der Österreichisch-Ungarische, wo die Gefallenen des Ersten Weltkriegs zur letzten Ruhe gebettet sind, sowie der Deutsche und Italienische Soldatenfriedhof als Begräbnisplatz der Soldaten des Zweiten Weltkriegs.

Der Österreichisch-Ungarische Soldatenfriedhof

Bereits wenige Monate nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Sommer 1914 ließ die Österreichische Heeresleitung in Meran verschiedene Reservespitäler einrichten, in denen aber alsbald die ersten Toten zu beklagen waren. So sah sich die Meraner Stadtverwaltung im Jahre 1915 veranlasst, ein Heldengrab für 53 Soldaten einzuweihen, das im Frühjahr 1915 aber schon hoffnungslos überfüllt war. Im Oktober 1917 schließlich wurde eine an den bestehenden Friedhof angrenzende Wiese angekauft und auf dieser der Soldatenfriedhof in seiner heutigen Form errichtet. 509 Soldaten des Vielvölkerstaats Österreich-Ungarn fanden auf diesem Platz ihre letzte würdige Ruhestätte.

Im Jahre 1941 ‒ während des Zweiten Weltkriegs also ‒ wurden von der Amtlichen Deutschen Kriegsgräberfürsorge in Italien und vom „Governo onoranze Caduti in guerra in Italia ed all’estero“ weitere 1027 sterbliche Hüllen von Soldaten aus verschiedenen kleineren Soldatenfriedhöfen gesammelt und nach Meran umgebettet. Auch die aufgrund des stetigen Gletscherrückgangs im Ortlergebiet laufend auftauchenden Soldatenleichen wurden und werden nach Meran gebracht. Insgesamt ruhen zur Zeit am Österreichisch-Ungarischen Soldatenfriedhof 1528 Soldaten.

Der Friedhof ist in Besitz der Gemeinde Meran und wird vom „Verein für die Pflege des deutschen und österreichischen Soldatenfriedhofs in Meran“ gepflegt. An Allerheiligen und zu Weihnachten finden alljährlich Gedenkfeiern und Hl. Messen für die hier Beerdigten statt.

Der Deutsche Soldatenfriedhof

Die deutsche Wehrmacht hat 1943 nach dem Einmarsch in Italien den Soldatenfriedhof in Meran angelegt, um eine Begräbnisstätte für die in über 30 Kriegslazaretten verstorbenen deutschen Soldaten zu schaffen. Der „Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V.“ hat 1956 weitere deutsche Kriegstote zugebettet und den Friedhof erweitert.

Am 20.09.1959 wurde der Friedhof in seiner heutigen Form eingeweiht. Insgesamt haben 1058 deutsche Soldaten hier ihre letzte Ruhestätte gefunden.

Den Eingang zum weiten Gräberfeld, das von einer Porphyrmauer eingefriedet ist, bildet ein zur Friedhofsseite arkadenförmig geöffnetes Eingangsgebäude. Verbunden ist der deutsche mit dem österreichischen Soldatenfriedhof durch ein Hochkreuz, das den Drachentöter St. Georg darstellt. Über das Gräberfeld verteilt stehen Porphyrkreuze in Dreiergruppen, liegende Namensteine mit jeweils zwei Namen kennzeichnen die Gräber in der Rasenfläche. Riesige Eichen umsäumen die Rasenfläche und gemahnen an Frieden und Recht.

Das besondere Grab: Leonhard Dallasega

Das Schicksal des Leonhard Dallasega aus Proveis (* 13.10.1913, † 27.4.1945) verdeutlicht die ganze Rohheit, Gewalt und den Hass dieser Zeit und soll hier stellvertretend für alle Beerdigten erzählt werden.

Am Nachmittag des 27. April 1945, einem der letzten Kriegstage, bricht eine Hundertschaft deutscher Soldaten, angeführt von der SS, von Ala aus in Richtung Brenner auf. Ein von deutschen Soldaten umringter katholischer Geistlicher, nämlich Don Domenico Mercante, wird von einem Standgericht zum Tode verurteilt. In aller Eile wird das Exekutionskommando zusammengestellt, dem auch ein Mitglied der Waffen-SS angehört. Der Mann verkündet jedoch öffentlich: „Ich bin katholisch, ich erschieße keinen Unschuldigen!“ Dies sollte sein eigenes Todesurteil sein, denn nachdem der Geistliche erschossen worden war, wurde auch der Verweigerer vom Kommando erschossen. Von Einwohnern aus Ala werden die beiden Opfer nach einigen Tagen notdürftig mit Erde zugedeckt. Schließlich wird der unbekannte Soldat in Ala beerdigt.

Der ermordete Pfarrer, Don Domenico Mercante, war seit einiger Zeit Pfarrer von Ljetzan (Giazza), dem bis heute letzten verbliebenen, teils zimbrischsprachigen Dorf in der Lessinia nördlich von Verona. Er eilte in jenen Apriltagen den deutschen Soldaten entgegen, damit sein Dorf, Ljetzan, von Plünderungen und Zerstörungen verschont bleiben möge. Er wird aber als Geisel festgenommen und bis ins südliche Trentino gebracht, wo er angeklagt wird, Partisanenverbände zu unterstützen.

Der Name des unbekannten Soldaten, der dasselbe Schicksal wie er zu erleiden hatte, blieb lange unbekannt. Den Nachforschungen von Don Luigi Fraccaro, späterer Pfarrer von Ljetzan, ist es zu verdanken, dass man heute weiß, dass es sich beim Befehlsverweigerer um Leonhard Dallasega aus Proveis handelt. Er nahm schon in den 1930er-Jahren am Abessinienfeldzug teil. 1944 wurde er zur Waffen-SS eingezogen, wo er Postdienste versah und als Koch arbeitete. Als sich die Alliierten Ende April 1945 von Süden dem Veroneser Gebiet näherten, nahm Dallasega am 26. April sein Fahrrad und fuhr nach Ljetzan, wo er in einem Gehöft übernachtete. Am nächsten Tag wollte er in ziviler Kleidung weiter nach Norden durchbrechen, wurde aber von den deutschen Soldaten festgehalten und zur Exekution des Priesters bestimmt. Der tief religiöse Dallasega weigerte sich und konnte nur mehr sagen: „Ich bin Vater von vier Kindern!“ Seiner Dokumente beraubt, wäre sein Schicksal unbekannt geblieben, wenn nicht einige Einwohner aus Ala Augenzeugen der Geschehnisse geworden wären.

Wie viel unbekannte Tragödien der Menschlichkeit werden sich im Zweiten Weltkrieg zugetragen haben, von denen wir heute, Begnadete der späten Geburt, nie etwas erfahren werden?

Leonhard Dallasega stammte vom Hof Clasett, heiratete 1941 Maria Herbst aus Welschnofen, mit der er bis 1945 vier Kinder bekommen sollte. Die beiden jüngsten, Zwillinge, werden im März 1945 an Lungenentzündung sterben. Leonhard Dallasega wird es nie erfahren. Als Maria Herbst 1959 den Aufruf in der Tageszeitung Dolomiten „Wer war der Held von Ljetzan?“ las, da beschlich sie eine leise Ahnung, dass es sich dabei um ihren vermissten, nicht aus dem Krieg heimgekehrten Ehemann handeln könnte. Endgültige Gewissheit brachten die Forschungen Don Fraccaris, der 1979 zweifelsfrei die Identität Dallasegas belegen konnte.

Leonhard Dallasegas Soldatengrab in Meran ist immer mit Kerzen und frischen Blumen belegt.