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Spuren eines ungewöhnlichen Ordens

400 Jahre Kapuziner in Meran

So präsentierte sich die Kapuzinerkirche um 1900

Vom 27. bis 29. Oktober laden die Meraner Kapuziner zur Jubiläumsfeier. Seit 400 Jahren leben und wirken die Kapuziner in Meran. Am 29. Oktober 1617 wurden die Kapuzinerkirche und das Kloster in Meran eingeweiht. Von dieser Niederlassung der Kapuziner aus wurde das religiöse Leben, die Seelsorge, aber auch das Zusammenleben der Volksgruppen in Meran und seiner Umgebung entscheidend mitgeprägt.

Der Kapuzinerorden

Die Kapuziner sind uns allen irgendwie vertraut. Wer sind sie aber eigentlich, diese Männer, die eine kastanienbraune Kutte mit aufgenähter langer, spitzer Kapuze, einen weißen Strickgürtel mit Rosenkranz, einen kurzen Rundmantel und Sandalen tragen? Definiert werden sie so: „Kapuziner (Ordo Fratrum Minorum Capuccinorum; OFMCap) nach den Franziskanern und Konventualen (Minoriten) der dritte autonome Zweig des ersten Ordens des hl. Franziskus von Assisi. Die Entstehung des Ordens ist vor dem Hintergrund der kirchlichen Erneuerungsbewegungen des 15. und 16. Jahrhunderts zu sehen. Die Kapuziner entstanden als Reformgruppe und wurden 1528 durch Papst Clemens VII. anerkannt.

Das Besondere der Kapuziner: Besitzlosigkeit als Lebensregel

Sie leben als „gemäßigte Eremiten“, die sich der wortgetreuen Einhaltung der von Franziskus von Assisi aufgestellten Ordensregel verpflichten. So ist die Ordensregel auf das dreifache Gelübde des Gehorsams, der Armut und der Ehelosigkeit aufgebaut. Getreu ihrem Vorbild verzichten die Kapuziner auf Besitz. Weder der einzelne Kapuziner noch das Kloster können Eigentum besitzen und erwerben. Der Kapuzinerorden gehört nämlich zu den sogenannten „Bettelorden“. Mitglied des Ordens wird man durch die Ablegung der Gelübde, zuerst probeweise auf Zeit nach dem Noviziat, später auf Lebenszeit. Jedem Bruder, wie die Kapuziner genannt werden, wird ein Arbeitsgebiet im Haus, in den Werkstätten, im Garten, in der Seelsorge, in der Missionarstätigkeit etc. zugewiesen. Der Orden unterscheidet sich von den monastischen Orden (Benediktiner, Zisterzienser) durch die innere Struktur. Anstelle der patriarchalischen Führung durch den Abt in einem selbständigen Kloster, so wie es der hl. Benedikt in seiner Regel vorsieht, wollte Franziskus Brüdergemeinschaften, die in verschiedenen Klöstern leben und in Provinzen zusammengefasst werden. Jedes Kloster hat einen Vorsteher, Guardian genannt, und einen Stellvertreter. Über den Klöstern und Niederlassungen steht der Regionalobere. Die einzelnen Provinzen werden von Provinzialen geführt, die von vier Provinzdefinitoren beraten werden. Sie bestimmen die Leiter der einzelnen Klöster, die Guardiane, und regeln die Angelegenheiten in der Provinz.

Derzeit gibt es ungefähr 630 deutschsprachige Kapuziner. In Österreich und Südtirol hat der Kapuzinerorden ca. 120 Mitglieder, die in 17 Niederlassungen zusammenleben. Die Provinzleitung hat ihren Sitz im Kloster Innsbruck. Die Provinz Österreich-Südtirol existiert seit 2011. 2007 wurden die damaligen Provinzen Wien und Nordtirol zur Provinz Österreich zusammengeschlossen, vier Jahre später erfolgte durch die Vereinigung mit der Provinz Brixen die Gründung der Provinz Österreich-Südtirol.

Die Kapuziner in Meran

Zu Beginn der Neuzeit, kurz nach Erfindung des Buchdrucks und der Entdeckung Amerikas, machten sich in Europa Kräfte stark, die eine Reformation forderten: eine Wiederherstellung oder Erneuerung der Kirche. Die Thesen von Martin Luther in Deutschland (1517) und die Predigten und Aktivitäten von Zwingli und Calvin kurze Zeit später in der Schweiz führten zur Spaltung des Christentums in verschiedene Konfessionen: die katholische, die evangelisch-reformierte und die evangelisch-lutherische Kirche. Religion allgemein bestimmte damals das Leben der Menschen – so wird verständlich, wie erbittert um die wahre und richtige Lehre gestritten wurde. Dass es so nicht ohne Konflikte vor sich gehen konnte, liegt auf der Hand. Es ging um territoriale Streitigkeiten, immer aber vor allem um den Glauben.

Die Geschichte der Kapuziner in Meran begann mit der Sorge, dass der Vinschgau mit Meran protestantisch werden könnte. Die Lehre Martin Luthers fand im benachbarten Engadin rasanten Zulauf und es bestand die Gefahr, dass diese auch im Vinschgau auf fruchtbaren Boden fiel. Die Sorge war besonders groß, da damals im Vinschgau die romanische Sprache noch weit verbreitet war. So sollte in Meran ein Kapuzinerkloster entstehen, gleichsam als Bollwerk gegen den aus der Schweiz übergreifenden Protestantismus. Von daher ist es auch zu verstehen, dass es überzeugten Katholiken wie Graf Jakob Trapp von der Churburg, dem Landeshauptmann von Brandis und dem Fürstbischof von Chur, Johannes von Fluigis-Aspermont, nicht gleichgültig war, wie sich die konfessionellen Verhältnisse in Meran und im Vinschgau entwickelten. Der Bischof von Chur wünschte sich zwei Klöster, eines in Meran und eines in Mals. Angesichts der Konfessionskämpfe sollten die Kapuziner ganz besonders zur Wiederbelebung der katholischen Frömmigkeit beitragen.

Bei seinen Bestrebungen wurde der Bischof tatkräftig von keinem geringeren als Erzherzog Maximilian III., einem überzeugten Verfechter der Gegenreformation, unterstützt. Am 19. Februar 1613 erhielt der Bischof die Erlaubnis des Landesfürsten, in Meran ein Kapuzinerkloster zu errichten. Ein Grundstück am Vinschger Tor wurde erworben und am 1. Mai 1616 konnte der Grundstein für den Bau der Klosterkirche gelegt werden. Schon ein Jahr später, am 29. Oktober 1617, weihte der Fürstbischof von Chur die Kirche zu Ehren des Hl. Märtyrers Maximilian, als Zeichen der Dankbarkeit gegenüber dem Landesfürsten. Das Kloster hatte ein Stockwerk mit 17 Zellen. Diese waren 2,40 Meter lang und zwei Meter breit. Knapp ausreichend für ein Bett und einen Schreibtisch – ganz im Sinne der bescheidenen Kapuziner'schen Lebensweise!

Reiches Wirken der Kapuziner

Der Meraner Magistrat war anfangs gegen ein Kapuzinerkloster. Man habe ja schon Bettler genug und brauche nicht auch noch die Kapuziner, hieß es. Die Stadt musste jedoch dem Wunsche des Bischofs und dem Willen des Erzherzogs nachkommen und sogar 300 Pfund zum Klosterbau beisteuern. Diese Kosten wurden durch eine Sondersteuer auf Fleisch eingetrieben.

Die Kapuziner gewannen mit ihrem Glaubenseifer in Meran rasch an Einfluss und erwiesen sich schon bald sehr nützlich für die Stadt. So wird berichtet, dass der ganze religiöse Unterricht den Kapuzinern anvertraut wurde. Bis ins späte 17. Jahrhundert übertrugen die Fürstbischöfe den Kapuzinern das ausschließliche Recht der Predigt von der Pfarrkanzel. Die Kapuziner sind den Meranern in Stadt und Land auch in harten Zeiten beigestanden, sogar in den allerhärtesten, als die Pest wütete. Während dieser Jahre, besonders von 1635 bis 1636, übernahmen sie auf Bitten der Gemeinde die Pflege von Pestkranken im Siechenhaus bei der St.-Leon­hard-Kirche. Die Patres spendeten nicht nur religiösen Trost, sondern ließen auch die leibliche Pflege der Pestkranken nicht außer Acht. Sie sorgten für Reinlichkeit, Arzneien und kräftige Speisen und retteten dadurch manchen Kranken vor dem sicheren Tod. Dazu kamen noch Scharen von Armen, die bei den Kapuzinern Hilfe suchten. Ihr Einsatz für die Armen und Kranken ließ sie schnell die Sympathie des Volkes gewinnen und die anfängliche Abneigung wandelte sich in Zutrauen und Zuneigung.

Bedeutende Persönlichkeiten bei den Kapuzinern in Meran

Ein aufsehenerregendes Ereignis markiert die frühe Geschichte des Klosters. Der Herzog von Modena, Alfonso III d'Este, trat bei den Kapuzinern in Meran ein. Er war mit Isabella vom Hause Savoyen verheiratet und hatte acht Kinder. Als nach 18 Jahren glücklicher Ehe Isabella verstarb, beschloss Alfonso, Kapuziner zu werden. Unter dem Vorwand, auf die Jagd zu gehen, verließ er 1629 den Hof in Modena und reiste unter falschem Namen nach Meran. Am Fest Mariä Geburt 1629 empfing der Herzog das Ordenskleid und legt vor dem Altar sein Schwert und seine fürstlichen Kleider nieder. In der Klarissenkirche wurde Alfonso zum Priester geweiht.

Vermittlerrolle

Mehrmals übernahmen die Kapuziner eine heikle Vermittlerrolle. So konnten sie im Streit zwischen dem Klarissenkloster und dem Fürstbischof von Chur schlichten. Die Klarissen wollten sich von der fürstbischöflichen Gerichtsbarkeit lösen. Auch in den Auseinandersetzungen zwischen dem Fürstbischof und der Gemeinde Meran konnten die Kapuziner als Friedensstifter wirken.

Sturm auf die Kapuziner

Der wachsende Zulauf der Gläubigen zur Kapuzinerkirche erforderte 1711 eine Erweiterung der Kirche und den Zubau eines Stockwerkes an der Nord- und Ostseite des Klosters. Im August 1808 hob die bayerische Regierung das Kloster auf. Der bayerische Hofrat Johann Theodor von Hofstetten beschuldigte die Kapuziner, gegen die Bayern zu hetzen. Am 10. April 1806 kam Hofstetten gegen Mitternacht mit viel Militär zum Kloster und ließ vor der Pforte eine Kanone aufstellen. Die Soldaten stürmten das Kloster, holten die Patres von den Strohsäcken und verluden sie auf einen Leiterwagen. Unter strengster Geheimhaltung wurden die Brüder nach Neumarkt transportiert. Das Inventar des Klosters wurde versteigert. Ein Herr von Vintler kaufte das Kloster in der Absicht, es später den Kapuzinern zurückzugeben. 1809, nach dem Sieg der Tiroler Schützen am Bergisel, konnten die Patres wieder unter dem Jubel der Bevölkerung zurückkehren.

Ausbau des Klosters und Entwicklung der Klostergemeinschaft

Nach diesem bayerischen „Rummel” erlebte das Kloster eine ruhige Zeit. Mit staatlicher Erlaubnis und mit Unterstützung des damaligen Dekans Johann Nepomuk von Tschiderer wurde im Kloster 1822 ein theologisches Hochschulstudium eingerichtet, in dem Kleriker des Kapuzinerordens den höheren Studien nachgingen. Auch die Kleriker des Stiftes Marienberg beteiligten sich daran. Hervorragende Lehrer konnten gewonnen worden. Davon zeugt noch heute die Bibliothek. Sie wurde 1883 errichtet und gehört heute mit ca. 13.000 Bänden zu den größten und wertvollsten der Provinz.

1862 gründete P. Bernhard Thuille das Mädcheninstitut „Carolinum” und einen eigenen Verein zur Unterstützung von Dienstboten, eine Art von Gewerkschaft würde man heute sagen.

Bemerkenswert ist auch, dass Kloster und Kirche von Meran schon seit dem 19. Jh. Bezugspunkt und Heimat der italienischen Sprachgruppen waren und es bis heute sind.

1953 wurde die Kirche noch einmal vergrößert, in den Jahren 1967-69 das Kloster umgebaut. Die 1997/98 restaurierte Kirche ist die größte Kapuzinerkirche in ganz Tirol, dies zeugt von der seelsorglichen Bedeutung des Klosters. Ende des 19. Jhs zählte das Kloster 28 Mitglieder, zehn Patres, zehn Theologen und acht Laienbrüder. Heute gehören zur Gemeinschaft nur mehr sechs Patres. Seit 20 Jahren gibt es keinen jungen Nachwuchs bei den Südtiroler Kapuzinern. Ein Vertrag mit der polnischen Provinz Krakau macht es möglich, junge Mitbrüder nach Südtirol einzuladen. So wirken in Meran derzeit zwei junge polnische Mitbrüder, darunter auch der Guardian des Klosters.

Und die Zukunft?

Das Jubiläum „400 Jahre Kapuzinerkloster Meran“ bedeutet nicht nur Anlass, auf eine würdige Geschichte zurückzublicken, es ist auch ein Startpunkt für Neues. In den letzten Jahren hat das Kloster besonders in der Beichtseelsorge im Rahmen der Initiative „Aussprache- und Beichtzentrum im Kloster“ an Bedeutung gewonnen. Zur Verfügung stehen dabei verschiedene Priester des Dekanats. Gespräche mit der Gemeinde über eine neue Nutzung des Klosters sind derzeit im Gange. So könnte die Bibliothek öffentlich zugänglich, die Bestände digitalisiert und online recherchierbar gemacht werden. Es besteht auch der Plan, den Klostergarten für die Meraner Bevölkerung zu öffnen. Er soll umgestaltet und einen besinnlichen Charakter erhalten. Man macht sich auch Sorgen über die finanzielle Zukunft des Klosters, die Spenden werden immer weniger. Die Gemeinde Meran hat eine finanzielle Unterstützung im Zuge des 700-Jahre-Jubiläums zugesagt. „Wie die Zukunft des Klosters aussehen wird, kann heute noch nicht gesagt werden“, meint P. Robert Prenner, Vikar des Klosters. Auf jeden Fall solle das Kloster ein Ort der Besinnung und der Begegnung bleiben, vielleicht auch in der Form eines ,,Klosters auf Zeit“. Was die Frage des derzeit fehlenden Nachwuchses angeht, meint P. Robert: ,,Die Hoffnung stirbt zuletzt!“