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Hotel Tirolerhof

Hotel Tiroler - Hof, Meran, Südtirol
Ottilie Zuegg und Josef Auffinger

Die Gründerzeit

Der Ausdruck Gründerzeit bezieht sich zeitgenössisch auf den europäischen wirtschaft­lichen Aufschwung des späten 19. Jahrhunderts, in dem Unternehmensgründer in relativ kurzer Zeit reich werden konnten. Einen entscheidenden Faktor für die rasante Wirtschaftsentwicklung bildete dabei der Eisenbahnbau.

In Meran trug die Eröffnung der Eisenbahnstrecke Bozen˗Meran maßgeblich dazu bei, noch mehr Touristen in die Passerstadt zu locken. Um dem Zustrom von weiteren Gästen gerecht zu werden, entschloss sich die Stadtverwaltung, ein neues Stadtviertel entstehen zu lassen, in welchem mehrere Hotelbauten vorgesehen waren, unter anderem das Hotel Tirolerhof. Wie für die sogenannte Gründerzeitarchitektur typisch, erhielt dieser Gebäudekomplex im Außenbereich eine Blockrandbebauung mit einer aufwändigen Innenarchitektur samt kostbarem Mobiliar im historischen Stil.

Die Geschichte des Hotels Tirolerhof, eines ehemals renommierten Hauses ersten Ranges, begann anfangs der 1880er-Jahre. Josef Gogl, Sohn einer Meraner Obsthändlerfamilie, erwarb ein Grundstück nahe dem Bahnhof, das er bereits 1882 durch den Zuerwerb der Dornerwiese ergänzte, um dort ein Gästehaus namens Hotel Gogl zu errichten. Für sein Vorhaben konnte er den bekannten Meraner Architekten Karl Moeser gewinnen. Am Mittwoch, den 26.3.1884, war es dann soweit, das Haus wurde als Hotel Tirolerhof eröffnet. Gleich darauf übertrug Josef Gogl den technischen Betrieb Herrn Oehmig. Dem Hotelier war nämlich kein langes Leben beschieden. Er erkrankte bald nach der Hoteleröffnung und erlag am 4. Februar 1886 seinem Leiden. Nach seinem Tod übernahmen seine Schwester Rosa und deren Gatte, Ludwig Auffinger, den Hotelbetrieb. Ludwig Auffinger, ein gebürtiger Schwazer (*1856 †1906), kam Ende der 1860er-Jahre nach Meran und begann eine Buchhalterlehre beim Weinhändler Hartmann in Untermais. Anschließend war er in der Obsthandlung der Witwe Gogl beschäftigt, deren Tochter er später ehelichte.

Das Hotel Tirolerhof, auch Hotel Auffinger genannt, hatte zunächst zwei Stockwerke. Im Jahre 1887 kam ein Nebengebäude hinzu und 1895 folgten weitere Zu- und Umbauten. Wie aus historischen Abbildungen ersichtlich, wachten von Beginn an links und rechts des Treppenaufganges zum Hauptportal die Sphinxen. Diese zieren heute den Eingangsbereich der Villa Auffinger in der Freiheitsstraße Nr. 141, welche 1898 als Dependance zum Hotel Tirolerhof errichtet wurde. Die Annahme, dass die Skulptur früher einmal die Treppen der Villa Lindenburg zierte, ist somit widerlegt. (vgl. Anna Pixner Pertoll, Ins Licht gebaut, S. 148).

Der Fremdenverkehrsboom, der sich um die Jahrhundertwende in Meran und Mais abzeichnete und der weitere Übernachtungsmöglichkeiten erforderte, veranlasste Ludwig Auffinger im Frühjahr 1906 einen weiteren Umbau des Hotels vorzunehmen, das bis zu diesem Zeitpunkt bereits über 90 Zimmer verfügte; eine stattliche Anzahl, die nur von wenigen anderen gleichrangigen Gastbetrieben übertroffen wurde, wie dem Kaiserhof mit 120, dem Palasthotel (heutiges Palace Hotel) mit 150 oder dem Grand Hotel Meranerhof mit 300 Zimmern. Seinem Ansuchen beim Stadtmagistrat Meran ist zu entnehmen: (…) Die Neu- und Zubauten der Hotels in Mais, und der damit erhöhte Comfort nötigen wohl alle Hotelbesitzer in Meran, vergrösserte und gediegenere Gesellschaftsräume als zum Beispiel Vestibül (Eingangshalle), Frühstückszimmer, Billardzimmer und Photographische Dunkelkammer zu erstellen, um gegenüber der Concurrenz in Mais nicht allzusehr zurückzubleiben. Ich bin daher gezwungen hiezu meine sämtlichen Parterreräume zu verwenden, und soll durch den Aufbau eines III. Stockes ein Ersatz für diese verlorengehenden Fremdenzimmer geschaffen werden. Die südlichen Räume im Mansardenstock erhalten keine Öfen, und finden als Unterkunft für die Dienerschaften der Hotelgäste sowie für das männliche Hotelpersonal Verwendung. (…). Die Genehmigung ließ nicht lange auf sich warten, ebenso erhielt er die Lizenz für einen Hotel-Omnibus, um vom Bahnhof zum Hotel Auffinger und retour fahren zu können. Im selben Jahr erschloss übrigens eine Straßenbahn den Meraner Bahnhof und die Innenstadt von Meran sowie die damalige Nachbargemeinde Obermais. Es dauerte nicht lange, da erfolgte aufgrund dessen von den angrenzenden Hotelbesitzern eine Eingabe an den Bürgermeister Dr. Weinberger, worin gebeten wurde: Es sollen die Züge in der Frühe nicht vor 7.15 und abends nicht nach 9 Uhr verkehren. Man wolle ferner veranlassen, daß die Wagenführer statt des jetzt rasenden, mit lautem Geklingel begleiteten Tempos ein gleichmäßiges ruhiges Fahren auf der ganzen Strecke einhalten. Herr Auffinger beschwerte sich zudem: (...) weil das Gleis in der Habsburgerstraße längs des nördlichen Trottoirs entlang angelegt wurde, die An- oder Abfahrt der Wägen vor dem Tirolerhof direkt zur Unmöglichkeit gemacht worden sei. Für die ankommenden oder abreisenden Hotelgäste müsse der Omnibus stets auf der anderen Seite der Straße halten und haben dann die Gäste das zweifelhafte Vergnügen, die öfters sehr kotige Straße zu queren, um zum Wagen zu gelangen. Um nun diesem Uebelstande abzuhelfen und eine ungehinderte Zu- und Abfahrt für das Hotel Tirolerhof zu ermöglichen, suchte er zudem an, zwei kleine Kastanienbäume vor dem Hotelzugang fällen zu können, damit der Omnibus ungehindert das Etablissement erreichen und dort auch für einige Minuten auf dem Gehwege parken könne: Die entstehenden Kosten (Abdeckung der Künette) will der Gesuchsteller selbst tragen.

Ludwig Auffinger war ein rühriger und pflichtbewusster Meraner Bürger. Er war bereits 1870 Mitglied des Meraner Männergesangvereins, zudem bekleidete er mehrere öffentliche Ämter in Meran: ab Oktober 1891 als Mitglied des Meraner Elektrizitätskomitees, 1896 als Gemeindeassessor und Vorstand der Kurvorstehung, 1897 wurde er zum Obmann der Wasserkommission und 1898 zum Obmann der Obermayr-Hofleege gewählt, 1902 war er Schriftführer der Meraner Bezirksfeuerwehr, 1904 Obmann der Spirituosen-Steuerbemessungskommission und im selben Jahr wurde er als Vertreter in die Eisenbahn-Kommission entsandt. Aufgrund von unliebsamen Vorkommnissen, die mit der Kurvorstehung zusammenhingen, legte Ludwig Auffinger sein Amt als Gemeinderat 1906 nieder. Schwermütig und krank schied er am 26. Oktober desselben Jahres aus dem Leben. Nach seinem raschen und unverhofften Tod oblag die Führung des Hotels seiner Frau und dem gemeinsamen Sohn Josef.

Rosa Auffinger führte nach dem Tode ihres Gatten mit vollem Einsatz das Hotel. Unterstützt hat sie dabei der Hoteldirektor E. Bütikofer. Dieser musste außerdem jeden Monat ein Resümee an den in Graz studierenden Sohn Josef senden, so am 1. Dezember 1910, das wie folgt lautet:

Sehr geehrter Herr Auffinger!

Anbei diene ich höflichst mit Résumé pro monat November 1910. Im Geschäft siehts nun flau aus; wir sind auf 19 Personen hinunter mit einer Tageslosung am 30. Nov. von kr. 184.-

Hab die beste Hoffnung, dass uns wenigstens die Gäste bis auf 5 Personen, die morgen verreisen, doch noch auf einige Zeit bleiben werden.

Über Habsburge – Auto – Geschichte wird Ihnen Herr Hiltpold Näheres berichtet haben und unterlasse ich hier eine Erwähnung zu geben.

Im Haushalt ist Alles im guten, nur dass die Lebensmittel stets noch steigen, statt sinken.

Frau Auffinger wird heute Abend von Ihrer Abwesenheit zurück erwartet und Anbetracht dessen gestatte ich mir Sie höflichst zu ersuchen, ob Sie nichts dagegen haben, wenn ich nächste Woche drei á vier Tage aussetzte.

Im Laden von Holzgethan hat der Ofen repariert werden müssen.

Von den mietspartien hat mir Alles bezahlt bis auf Partie Bourk, deren Betrag noch ausständig ist.

Ihren Nachrichten mit besonderem Interresse entgegensehend, zeichnet mit den besten Grüßen

Hochachtend

Ihr E. Bütikofer.

Beilage: 1 Monatsrésumé.

 

Josef Auffinger vermählte sich im Februar 1911 mit Ottilie Zuegg, einer Schwester des Südtiroler Seilbahnpioniers Luis Zuegg. Standesgemäß feierte man mit den Hochzeitsgästen im Hotel Tirolerhof, wo die Geladenen ein üppiges und facettenreiches Hochzeitsmenü erwartete. Aufgewartet wurde mit Speisen und Getränken, deren Bezeichnungen sich auf so manche vertraute Örtlichkeiten bezogen, wie Lanaer Bachforellen aus der Gaulschlucht, Tirolerhof Eisbombe, Mayram Torte (Mayr am Turm in Völlan) oder Schloss Goyen Riesling Auslese, Fragsburg Vollblut usw.

Ottilie half nun mit, das Gästehaus zu führen und ein gutes Jahr später, Ende 1912, gab Josef überdies die Eröffnung seiner ärztlichen Praxis im Hotel Tirolerhof bekannt, in welcher vor allem nervenleidende Patienten Hilfe finden konnten.

Die Bettenkapazität schien gut ausgelastet, was die Hoteliersfamilie Auffinger beflügelte, immer wieder Umgestaltungen am Hause vorzunehmen, so 1913, als nach Plänen des Meraner Architekturbüros Anton Pardatscher & Ernst Pfretschner ein Um- und Anbau erfolgte oder im Frühjahr 1914, wo Architekt Candidus Bächler, den Anbau von 35 Fremdenzimmern, einem Restaurationsraum sowie von mehreren Wirtschafts- und Personalräumen überwachte.

 

Auswirkungen des Ersten Weltkrieges

Als im darauffolgenden Sommer der Erste Weltkrieg hereinbrach, hatte Meran das Glück, nicht direkt darin verwickelt zu werden, sondern als Lazarettstadt zu dienen. Dies war nicht zuletzt auf die in Meran bestehenden Hotels und praktizierenden Ärzte zurückzuführen. Im Herbst 1914 wurden zum Beispiel im Hotel Tirolerhof für das Rote Kreuz 28 Zimmer mit 40 bis 50 Betten ohne Verpflegung zur Verfügung gestellt und bereits am 27. September war die Aufnahme von 20 Offizieren und 30 Mannschaften zu verzeichnen.

Wie viele seiner Landsleute, musste auch Josef Auffinger sehr bald in den Krieg ziehen. Bei seinen Einsätzen hatte er hin und wieder Verletzungen hinzunehmen. Anfangs Mai 1916 wurde er, in Ausübung seines Dienstes am Adamello, durch einen Streifschuss verwundet. Laut den Meraner Medien weilte der Chefarzt beim 10. Marschbaon eines Inf. Reg., Josef Auffinger, aufgrund einer Verletzung, die er sich auf dem südwestlichen Kriegsschauplatz durch einen Steckschuss im linken Vorderarm zugezogen hatte, daher auf Heimaturlaub. Auch im Dezember 1917 befand er sich aufgrund einer weiteren Kriegsverletzung in Meran; in der 11. Schlacht am Isonzo wurde er zum 7. Male verwundet. Während seiner Heimataufenthalte musste Josef feststellen, dass sein Hotel von Jahr zu Jahr Schäden unterschiedlicher Natur und Größe davonzutragen hatte. Am 17. Jänner 1918 ließ er sich durch den Verein der Hotelbesitzer des Kurbezirkes Meran eine Bestätigung aushändigen, aus welcher hervorgeht, dass das Hotel Tirolerhof durch die lange Kriegsdauer, während welcher sämtliche Hotels in Meran geschlossen sind, wie alle anderen, so auch sein [Auffingers] Hotel in jeder Hinsicht ausserordentlich gelitten hat. Die grosse Kälte und der kolossale Schneefall im vorigen Winter haben sämtliche Heizungsanlagen sowie die Wasser-Installationen etc. und die Dächer derart ruinirt, dass die Reparaturen unter allen Umständen sobald als möglich durchgeführt werden müssen. Wir haben bereits Schritte unternommen, dass der Zuzug von Fremden wieder gestattet wird, und steht zu erwarten, dass Meran dank der günstigen militairischen Lage bald wieder seine Hotels öffnen kann, was umsomehr zu begrüssen wäre, als Meran ja unermesslichen Schaden erlitten hat. Es ist für Herrn Dr. Auffinger eine Lebensfrage und wäre für ihn ein nie wieder gut zu machender Ausfall, wenn er nicht in der Lage wäre, sein Hotel gleichzeitig mit den anderen Häusern zu eröffnen.

Man hoffte also, dass Meran mit der Zeit wieder Touristen anziehen werde. Ein zögerliches Bauen setzte ein, wodurch allerdings gleichfalls der Straßenverkehr anstieg. 1920 beschwerte sich Josef Auffinger öffentlich über den unerträglichen Staub in der Habsburgerstraße, welcher öfteres Besprengen notwendig mache. Er meinte, der Lastenverkehr sei in die seinerzeit dafür angelegte Meinhardtstraße zu verlegen.

 

Zeichen des Faschismus

Die inzwischen erfolgte Landnahme durch die faschistische Regierung ließ keinen Zweifel an den neuen Machthabern aufkommen, die darauf bedacht waren, so rasch wie möglich alles Deutsche zu italianisieren. So kam es im März 1922 bereits zu Unstimmigkeiten mit der Unterpräfektur Meran über die geforderte Doppelsprachigkeit der Firmabezeichnung: Hotel Tirolerhof. Obwohl die Wirtsgenossenschaft Meran einen Kollektivschritt bei der Präfektur in Trient unternommen hatte, um die gastgewerblichen Firmenbezeichnungen in Meran in ihrer ursprünglichen Form zu erhalten, hatte man jedem Hotelbetreiber nahegelegt, auch persönlich eine diesbezügliche Eingabe zu unternehmen. Trotzdem erschienen bei Josef Auffinger italienische Sicherheitsbeamte, die Carabinieri, mit der Aufforderung, die Bezeichnung Hotel Tirolerhof zur Gänze ins Italienische zu übersetzen, widrigenfalls das Strafverfahren gegen ihn eingeleitet würde. Nach zähen Verhandlungen und mit dem Hinweis, dass auch die Namen anderer in der Nachbarschaft befindlichen Hotels nicht abgeändert worden seien, einigte man sich darauf, dass allein die Doppelsprachigkeit der Gewerbebezeichnung zu erfolgen habe. Im Nachhinein wurde dem Hotelbesitzer mittels eines Promemoria zugetragen, dass das ganze Vorgehen der Behörde anscheinend auf eine von privater Seite ausgehende Anzeige gegen Dr. Auffinger zurückzuführen ist. Der Kommissär für die öffentliche Sicherheit hat nämlich sowohl Herrn Dr. Auffinger selbst, wie auch dem Gefertigten den Vorhalt gemacht, dass Dr. Auffinger angeblich die Äusserung getan habe: „Lieber als die Aufschrift Hotel Tirolerhof zu ändern, wird er seinen Gasthof überhaupt schliessen.“ Diese Aeusserung wurde auch zum Anlass genommen, um mit der Entziehung der Lizenz zum Betrieb des Hotels zu drohen. Gleichzeitig mit den vorerwähnten Verhandlungen mit der Behörde erschien in der deutschfeindlichen Zeitung Piccolo Posto eine Notiz, die sich ausschliesslich mit dem Falle Doppelsprachigkeit der Firmabezeichnung „Hotel Tirolerhof“ und mit der Person seines Besitzers befasste (...)

Bevor die von Ettore Tolomei ausgearbeiteten provvedimenti per l'Alto Adige greifen konnten, an die sich auch das Meraner Bauamt ab 5. August 1924 zu halten hatte, und worauf jedes Baugesuch, ob groß ob klein, nach Bewilligung seitens der Gemeinde, mit formellen Vorgaben und in italienischer Sprache der Militäroberbehörde in Verona vorzulegen war, war es der Familie Auffinger gelungen, die Genehmigung für den Einbau von zwei Bädern im Hotel zu erhalten. Ein weiteres Gesuch für einen Umbau, der für 1925 vorgesehen war und den Bau einer Rampe gegenüber der Goethestraße (heute Freiheitsstraße) beinhaltete, wurde aus verkehrstechnischen Gründen nicht genehmigt. Man empfahl jedoch die Rampe auf der anderen Seite gegen die Burggrafenstraße (heute 30.-April-Straße) zu errichten. 1926 wurden der Pferdestall und die Wagenremise im Erdgeschoss von der Baufirma Musch & Lun zur Unterbringung von vier Autos umgebaut. Darüber konnte, durch die Erhöhung des Dachstuhles, ein weiteres Stockwerk gewonnen werden. Die Zimmer und der Speisesaal erhielten Eichenparkettböden und die Korridore, Bäder und WCs einen Terazzobodenbelag. Zudem schloss man die Abfallleitungen an das städtische Kanalnetz an, installierte in allen Räumen das elektrische Licht und beheizte die Zimmer durch die im Hotel bereits bestehende Warmwasserheizung. Die Auslastung der Betten konnte daher auch in den folgenden Jahren konstant gehalten werden. Der Name Tirolerhof/Auffinger wurde indes, gemäß den faschistischen Verordnungen, in Hotel/Albergo Esperia abgeändert.

 

Ein vorgezeichneter Untergang

Einen entscheidenden Einschnitt für den Hotelbetrieb brachte das Jahr 1939, als Josef Auffinger von Familienmitgliedern erpresst wurde, eine Erklärung abzugeben. Einem handschriftlichen Vermerk, der dem mit 21.10.1939 datierten Schreiben nachträglich hinzugefügt wurde, ist zu entnehmen: Über strikten Auftrag und Vermeidung weiterer Spesen nach erfolgtem „Zuegg'schen“ Familienbeschluss zu folgender Erklärung gezwungen und erpresst.

Das Schreiben selbst verweist darauf, dass im Falle eines Zustandekommens des Auswanderungsabkommens zwischen Hitler und Mussolini ‒ gemeint ist damit das Optionsabkommen, das am 21.10.1939 von beiden Diktatoren unterzeichnet wurde ‒ Josef Auffinger sich binnen eines Monats zu verpflichten habe, die deutsche Staatsbürgerschaft zu erwerben und sein Hotel zur Liquidierung zu bringen. (...) Die möglichst baldige Liquidierung ist nur in meinem Interesse, da unter den heutigen Verhältnissen der Hotelbesitz mit täglichen Verlusten verbunden ist. Durch die hiedurch bedingte Abwanderung wird die Liquidierung meiner Meraner Liegenschaft erfolgen und verpflichte ich mich gelegentlich dieser Liquidierung den mir gewährten Kredit, bzw. Bürgschaft von Lire 56.000.- (sechsundfünzigtaussend Lire) durch Ueberweisung im Wege der bezüglichen Kommission an den Bevorschussenden zurückzuerstatten.

Im Frühjahr 1943 kam es dann zum endgültigen Vertragsabschluss, bei welchem das Hotel Esperia für Lire 5.200.000.- an die vier Töchter des Grand‘Ufficiale Ercole Varzi und zwar an Paola, Irene, Ofelia und Margherita übertragen wurde. Josef Auffinger hatte man zwar eingeräumt, die Privatwohnung im Hochpartrerre (5 Zimmer, Küche, Bad, Abstellraum, 3 Magazine im Kellergeschoss und ein kleiner Autostellplatz) bis zu seiner Auswanderung ins Deutsche Reich und zwar bis spätestens 30. September 1943 zu benützen, aber sämtliche Mobilien, die in einem eigenen Inventar verzeichnet sind – darunter über 40 wertvolle Perserteppiche – wechselten die Besitzer. In diesem Inventar wurde zudem festgehalten, dass das Bild „Blaue Frau“, mit den Maßen 1980 x 1580 mm und ein Perserteppich (2210 x 5120 mm) als Privatbesitz zu betrachten und daher nicht im Inventar aufzunehmen seien. Josef Auffinger emigrierte noch im selben Jahr nach Nordtirol und ließ sich auf Schloss Kropfsberg nieder. Er starb 1948 in Innsbruck.

In der Nachkriegszeit wurde die Immobilie Hotel Tirolerhof/Esperia in ein Kondominium umgewandelt, das heute nur noch in seiner Fassadengestaltung an die ruhmreiche vergangene Zeit erinnert.

Zu Gast im Hotel Tirolerhof

Die lange Gästeliste des Tirolerhofes verweist auf so manchen berühmten Namen, so König Albert von Belgien, Prinz Alfonso und Prinzessin de las Nieves von Spanien, k.u.k. Major Friedrich Ritter Handken von Prudnik, Daimler-Benz Direkor Hermann Balz, Mathilde Auerbach Rosenthal oder Karl Theodor Seidenschnur, ein Enkel des Georg Franz Heinrich Stockmann, des Gründers der Handelskette Stockmann in Finnland, sowie Klavierbauer Carl Bechstein, aber auch Musiker, wie Heinrich Weigandt, Max Wolf, Leon Victor (Pseudonym für Victor Hirschfeld), Clara Schumann oder Bruno Dost.

Die persönliche ärztliche Betreuung, die der Hotelier garantierte, war für Gäste, die unter Lungen- und Nervenkrankheiten litten, ein weiterer Grund, im Hotel Auffinger abzusteigen. Schriftsteller Arthur Schnitzler, war beispielsweise einer davon. Es ist überliefert, dass er dabei im Frühling 1886 an der Table d'hôte, an der Gemeinschaftstafel des Tirolerhofes, sich plötzlich Olga Waissnix, seiner großen Liebe, gegenübersah. Er war vierundzwanzig Jahre alt und kannte sie damals schon flüchtig. Als Neodoktor der Medizin komponierte er gelegentlich Walzer und dichtete nebenbei. Olga, eine mit einem Reichenauer Hotelier verheiratete Mutter von drei Söhnen, hatte es ihm sehr angetan.

In Meran spazierten sie fünf Tage lang miteinander, und Olga ließ sich dabei von Arthur mehrfach küssen. Übrig blieb von dieser Intimität, die beide hier erlebten, kaum mehr als Briefeschreiben und gelegentliche Gespräche. „Unsere Freundschaft, stellte Arthur Schnitzler 1888 fest, „ist seit zwei Jahren ein etwa vierundzwanzigständiges Gespräch, das meist zur Unzeit unterbrochen, meist auf unrichtige Weise weitergeführt und glücklicher Weise noch nie zu Ende geleitet wurde.“ Indes wurden weder ihre Begegnungen häufiger noch ihre Briefe seltener. 1894 schreibt die zunehmend schwerkranke Olga Waissnix, die jetzt zu resümierenden Bemerkungen neigt: „Was hatten wir von einander in diesen 8 Jahren nach den poetischen 5 Meraner Tagen ... Nur die Briefe haben uns zusammengehalten.

Auch Ljubow Dostojewkaja, die Tochter Fjodor M. Dostojewskis, weilte 1925/26 im selben Hotel. Von einer Nervenkrise geplagt und einer angeborenen Epilepsie verfolgt, erhoffte sie sich durch das angenehme Meraner Klima einen günstigen Einfluss auf ihre Gesundheit, aber auch Hilfe beim Neurologen Josef Auffinger.

Die in den 1930er-Jahren ankommenden Autoreisegesellschaften galten noch als etwas Besonderes und wurden sogar in den Medien angekündigt, unter anderem anfangs April (Ostern) 1931, als über 8000 Gäste in Meran zu verzeichnen waren, darunter eine größere Reisegesellschaft aus Breslau, die im Hotel Auffinger abgestiegen war, oder am 25. Juni 1931, als, anlässlich seines Meraner Besuches, König Albert von Belgien, in Begleitung des Grafen Xavier Henricourt Grunne, von Landeck kommend im Tirolerhof Halt machte. 1933 begann in der Alpenzeitung die Rubrik Österlicher Verkehr mit „Schade, daß wir noch keinen Landeplatz für Flugzeuge haben! Da könnten wir sonst gewiß von der Ankunft zahlreicher Flugzeuge in diesen Tagen berichten. Aber angekommen wird trotzdem in diesen Vorostertagen in Merano und wie! Alle Fernzüge treffen übervoll ein ...“ und am 22. Mai 1935 vermeldete die Alpenzeitung, (...) so langte vorgestern auch wieder eine Gesellschaft von Schweden unter der Führung eines Wiener Reisebüros in unserem Kurorte ein, wo sie im Hotel „Esperia“ (ex Auffinger) abstiegen, um gestern Meranos Sehenswürdigkeiten zu besichtigen und seine Promenaden zu besuchen. (...) oder am 24. September 1935 vermeldete die gleiche Zeitschrift, (…) Am Sonntag vormittags trafen 40 Damen und Herren aus Berlin hier ein, begleitet von einem Führer des Werre-Reisebüros. Die Herrschaften wurden im Hotel Esperia (Auffinger) und in den Pensionen „Promenade“, „Ermanno“ (Hermann) und „Eden“ untergebracht. Die Fahrtteilnehmer verbleiben 1-3 Wochen hier. (…).

 

Zur Person Josef Auffinger

Geboren in Meran am 10.03.1884, maturierte er am Meraner Gymnasium. Während seines Hochschulstudiums in Innsbruck diente er 1905 als freiwilliger Mediziner beim I. Tiroler Kaiserjäger Regiment. Anschließend wechselte er nach Graz, wo er 1910 zum Doktor der gesamten Heilkunde promovierte. Seinen Schwerpunkt legte er auf Neurologie und Psychiatrie und assistierte in der Folge zwei Jahre dem Prof. Dr. Karl Mayer in der Innsbrucker Klinik.

Ende 1912 kehrte er nach Meran zurück, stieg in das Hotelgeschäft mit ein und betätigte sich weiterhin als praktischer Arzt und Kurarzt. Im Herbst 1918 wurde er dem k. u. k. Reservespital „Pisek“ in Meran als Arzt zugeteilt.

Er setzte sich für das Wohl der Stadt Meran sowie für Fortschritt und Tourismus ein, ohne dabei auf die Werte von Umwelt und Bewahrung alter Traditionen zu verzichten. Die Kunst faszinierte ihn von klein auf, und so ist es keineswegs verwunderlich, wenn er bereits vor dem Ersten Weltkrieg in der Liste der außerordentlichen Mitglieder (Kunstfreunde) des Meraner Künstlerbundes angeführt wird. 1922 wurde Josef Auffinger zum Obmann des landesfürstlichen Burg- und Archivkomittees ernannt. In seiner Funktion als Konservator der landesfürstlichen Burg und des Stadtarchives beauftragten ihn 1929 die Meraner Gemeindevertreter, alle Akten und Dokumente, welche der Gemeinde Meran gehörten und die sich in Innsbruck unter der Obhut des ehemaligen Gemeinderates Dr. Karl Moeser befanden, wieder nach Meran zu bringen.

Josef Auffinger war kein Mann der großen Worte und so ist vieles, was er initiiert oder unterstützt hatte, der Öffentlichkeit wohl nicht bekannt, beispielsweise dass er 1925 als Sanitätsobmann und anlässlich der 57. Generalversammlung der freiwilligen Feuerwehr Meran, den Antrag gestellt hatte, eine permanente Rettungs-Gesellschaft zu errichten, oder in seiner Funktion als Konservator, wo er sein Augenmerk den Fresken in Meran und Umgebung widmete. Wie aus der Korrespondenz mit der Sopraintendenza alle Belle Arti in Trient aus dem Jahre 1933 ersichtlich, hatte er sich schon während seiner Schulzeit, gemeinsam mit seinem Lehrer, dem Heimatforscher Alois Menghin, um die Entschlüsselung des Freskos im Durchlass des Pfarrturmes zu Meran bemüht. Später war ihm die Erhaltung der Fresken im ehemaligen Kloster der Clarissininen – heutige Volksbank – ein großes Anliegen. Sein wachsames Auge entdeckte im St.-Vigil-Kirchlein auf dem Vigiljoch bei Lana alte Wandgemälde, die übermalt waren und daraufhin freigelegt werden konnten. Nicht zuletzt konnten Dank seines Hinweises jene Fresken, die an der Südwand des alten Meraner Gemeindehause verborgen waren, wieder zum Vorschein gebracht und konserviert werden. Er erinnerte sich diesbezüglich nämlich an eine Erzählung der Großmutter mütterlicherseits, dass dort Fresken auf Anordnung der bayrischen Besatzung 1805 mit Kalkfarbe übertüncht worden waren.

Mit besonderer Sorgfalt und in Zusammenarbeit mit Sachverständigen setzte sich Josef Auffinger aber auch für die Erhaltung diverser Burgen ein, wie der Mayenburg bei Völlan oder der Burg Kropfsberg bei St. Gertraudi im Inntal.

 

„Aus dem Kreisgericht Bozen“

(„Der Tiroler“ vom 11. Februar 1922)

„Einen Teppich gestohlen“

Der im „Tirolerhof“ in Meran bedienstet gewesene Kellner Robert Kapeller erhielt eines Tages den Besuch seines Freundes Max Egg. Dieser machte den Kapeller auf den beträchtlichen Wert der in der Halle des Hotels herumliegenden Teppiche aufmerksam und in Kapeller reifte bald der Gedanke, sich für den Fall, dass er seinen Posten verlieren sollte, einen solchen Teppich anzueignen und zu verkaufen. Im November 1921 nahm er einen solchen Teppich aus einem Hotelzimmer an sich und übergab ihn seinem Freund Egg zum Verkaufe, wobei er diesem auch sagte, dass der Teppich gestohlen sei. Egg übergab den Teppich – es war ein Perser im Werte von 2.220 Lire – einer Antiquitätenhändlerin in Meran zum kommissionsweisen Verkauf. Im Geschäfte der Händlerin wurde der Teppich von der Hotelierin Frau Auffinger ganz zufällig entdeckt, worauf die Verhaftung des Robert Kapeller und des Max Egg erfolgte. Am 2. Feber hatten sich beide wegen dieses Diebstahles vor dem Kreisgerichte Bozen zu verantworten. Kapeller wurde zu 15, Egg zu 10 Monaten Kerkers verurteilt.

 

 

Primäre Quellen:

  • Familienarchiv (FA) Auffinger, Meran: Korrespondenz, Notizen, Skizzen, Pläne und Fotos.
  • Stadtgemeinde Meran, Bauamt, KG Meran, Freiheitsstraße 188-188/A [2]: Pläne und Gesuche/Genehmigungen (Einsicht 03.08.2017).

Sekundärliteratur:

  • Gadner, Walter/Schmidt, Magdalene: Auf gerader Linie. Städtebau und Architektur in Meran 1860 – 1960, Bozen 2017.
  • Huber, Bertrand: „Diese müde duftende Luft“ - Deutsche Schriftsteller, in: Kontschieder, Ewald/Lanz, Josef und Musik Meran (Hrsg.): Musiker Maler Poeten in einem Modekurort, Bozen 2001, S. 172–186.
  • Kogler, Karl T./Hallama, Elfriede: „... und sie waren alle in Meran: Musikalisches und Adeliges aus den Fremdenlisten (1880¬−1915), Berndorf: KRAL 2015.
  • Marabini Zöggeler, Bianca: Die Meraner Russenkolonie – Ljubow Dostojewskaja, in: Kontschieder/Lanz ehedem, Musiker Maler Poeten, S. 215–228.
  • Pixner Pertoll, Anna: Ausstattung und Raumaufteilung der Villen, in: Dieselbe: Ins Licht gebaut. Die Meraner Villen, ihre Gärten und die Entwicklung der Stadt (1860 bis 1920), Bozen 2009, S. 143 – 175.
  • Poetzelberger, S. (Hrsg.): Meran, Reiseführer, Meran 1906.
  • Pokorny, Bruno: Aus Merans Werdezeit: 1870-1900, Meran 1929.
  • Scheible, Hartmut: Schnitzler mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Reinbek bei Hamburg, 14. Auflage 2007.
  •  
  • http://digital.tessmann.it/tessmannDigital/Zeitungsarchiv/Zeitungen
  • https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Straßen_und_Plätze_in_Meran