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Ringen um Bildung

„Weiber sollen daheim bleiben, kochen und waschen, die brauchen keine Schule …“

Fröhlich schauen die 30 jungen Frauen in die Kamera. Es ist ein Moment für die Ewigkeit. Ihnen ist etwas gelungen, was lange kaum  jemand für möglich gehalten hatte: eine  abgeschlossene Schulbildung.

Fröhlich schauen die 30 jungen Frauen in die Kamera. Es ist ein Moment für die Ewigkeit. Ihnen ist etwas gelungen, was lange kaum jemand für möglich gehalten hatte: eine abgeschlossene Schulbildung. Schulbildung war lange Zeit für Mädchen nicht vorgesehen. Aufgenommen worden ist die Fotografie in den 1950er-Jahren bei den „Englischen Fräulein“ am Sandplatz.

Die „Englischen Fräulein“, wie sie im Volksmund genannt werden, haben eine lange Tradition in Meran. Für viele war ihr Wirken ein Geschenk des Himmels. Generationen von Mädchen erhielten dank ihres Engagements eine gründliche Schulbildung. Dass Mädchen die gleichen Bildungschancen haben wie Jungen, ist heute in unseren Breitengraden längst eine Selbstverständlichkeit. Als aber Mary Ward (1585-1645) ihren Orden gründete, war Schulbildung für junge Frauen nicht vorgesehen. Sie sollten heiraten, Kinder gebären, den Hausstand führen.

Mary Ward aber war der Meinung: „Es gibt keinen solchen Unterschied zwischen Männern und Frauen, dass Frauen nicht Großes vollbringen könnten, wie wir am Beispiel vieler heiliger Frauen gesehen haben, die große Dinge getan haben. Und ich hoffe zu Gott, es möge zu sehen sein, dass Frauen in der kommenden Zeit viel tun werden.“

Recht auf Bildung

Maria Ward hat schon vor über 400 Jahren eine Frage beschäftigt, die bis heute weltweit hochaktuell ist: Recht auf Bildung für alle. „Mary Ward kämpfte vor allem für ein neues Selbstverständnis der Frau; Frauen waren für sie nicht Menschen zweiter Klasse und hatten auch ein Recht auf Bildung“, erklärt Sr. Cristina Israra, welche seit 2016 der Kongregation in Meran als Oberin vorsteht. Für dieses Frauenbild hatte die Kirche damals wenig Verständnis. 1631 hob der Papst die Gemeinschaft auf. Mary Ward wurde sogar als Ketzerin neun Wochen lang inhaftiert. Trotzdem hielt sie an ihrer Sendung fest. Erst 1877 wurde die Kongregation vom Papst anerkannt, Mary Ward als Gründerin erst 1909.

Die Schwestern der „Congregatio Jesu“ (CJ) wie die „Englischen Fräulein“ seit 2004 heißen, leben nach den Konstitutionen der Jesuiten, angeglichen für Frauen. „Mary Ward verlangte von den Schwestern, dass sie ihr Denken und Tun im Lichte der Beziehung zu Jesus Christus ordnen“, beschreibt Sr. Cristina die Spiritualität der CJ.

Die Gemeinschaft ist weltweit in 20 Ländern mit mehr als 228 Niederlassungen und 1.600 Schwestern tätig. Die Niederlassung in Südtirol gehört zur Mitteleuropäischen Provinz. 2005 schlossen sich acht ehemals selbstständige Provinzen aus dem deutschsprachigen Raum zu einer Provinz zusammen, nämlich die Provinzen München-Nymphenburg, Augsburg, Passau, Bamberg, Würzburg, Mainz, Österreich und Südtirol. Die gemeinsame Provinz trägt seitdem den Namen Mitteleuropäische Provinz. Zu ihr gehören etwa 400 Schwestern. Sie hat ihren Sitz in München-Pasing.

Die Englischen Fräulein in Meran, ein Geschenk des Himmels

Und so begann es in Meran: Die Meraner schauten verwundert auf Franziska Hauser und ihre Begleiterinnen, die 1723 von Augsburg nach Meran kamen. Sie trugen die Tracht ähnlich der englischen Witwen, so wie man sie heute noch bei Theateraufführungen von Maria Stuart sieht, und sie wurden wegen ihrer Gründerin aus England als Englische Fräulein bezeichnet.

Als die Schwestern am Meraner Sandplatz eine Mädchenschule mit angeschlossenem Heim eröffneten, waren die Gemeindeväter Merans dagegen: „Weiber sollen daheim bleiben, kochen und waschen, die brauchen keine Schule“, befanden sie. Der damalige Pfarrer von Meran unterstützte jedoch die Schwestern und so begann die Mädchenausbildung in Meran. Bedürftige Schülerinnen von auswärts hatten die Möglichkeit, im Heim zu wohnen.

Bis zum Zweiten Weltkrieg wurden im Haus die damals üblichen Schulen geführt: Volks-, Haushalts- und Bürgerschule. Während des Krieges stellten die Schwestern die Lehrtätigkeit ein. 1945 begann für die Englischen Fräulein eine neue Ära. Vizeschulamtsleiter Josef Ferrari organisierte das deutsche Schulwesen neu und eröffnete in Meran die Lehrerbildungsanstalt (LBA), deren Klassenräume vorerst in den Räumen der Englischen Fräulein am Sandplatz untergebracht waren. Ende der 1960er-Jahre übersiedelte die LBA in die Galileistraße. Das Heim am Sandplatz wurde weitergeführt. In den folgenden Jahren fanden darin ausschließlich Schülerinnen der Lehrerbildungsanstalt einen Heimplatz. Seit Ende der 70er-Jahre wohnten Schülerinnen verschiedener Schulen bei den Schwestern am Sandplatz.

Villa Imperial in Obermais

1960 eröffneten die Englischen Fräulein eine private Frauenfachschule in der Villa Imperial in Obermais. Sie übernahmen das Haus von Prof. Maria Christine Auer, einer Deutsch-Rumänin, die dort bis zum 2. Weltkrieg eine „Höhere Töchterschule“ und nach dem 2. Weltkrieg eine private Mittelschule, die sogenannte „Auer-Schule“, führte. Nach einer gründlichen Renovierung startete im Oktober 1960 die erste Klasse der Frauenfachschule. Um die Pensionatsräume aufzufüllen, wurden auch Volksschülerinnen aufgenommen, die in der Stadt die Schule besuchten.

Im Frühjahr 1963 erhielt die privat geführte Frauenfachschule das Öffentlichkeitsrecht, d.h. sie wurde vom Staat anerkannt. Die Anzahl der Schülerinnen wuchs ständig; ab 1967 wurde die Frauenfachschule als Frauenoberschule (FOS) mit der 1. Maturaklasse im Jahre 1968 weitergeführt.

Im August 1972 wurde die Schule verstaatlicht. Es wurden neue Räume außerhalb des Hauses notwendig – sie wurden zuerst im „alten Rathaus“ in der Dantestraße gefunden. 1979 wurde der Sitz der FOS mit Direktion nach „Ortenstein“ am Tappeinerweg verlegt. 1979 zog die Schule endgültig aus der Villa Imperial aus und das Haus wurde als Schülerinnenheim und Gästehaus weitergeführt.

Verkauf und Neubeginn

Seit einigen Jahren fehlt jedoch auch dieser Kongregation der Nachwuchs. So wurde 2012 der Gebäudekomplex am Meraner Sandplatz an das Land Südtirol verkauft und eine Stiftung gegründet, die Studienstipendien vergibt. Bereits 2011 war das Areal mit mehreren Gebäuden in Brixen an das Land Südtirol verkauft worden; die Heimtätigkeit der Schwestern wird dort, wie auch in Meran, durch das Kolpingwerk weitergeführt.

„Der Samen, den wir gelegt haben, wird damit weiterhin aufgehen“, unterstreicht Sr. Maria Pia Brugger. „Uns Schwestern und der Provinzleitung war und ist es wichtig, dass unser Werk fortgesetzt und die Anlage weiterhin jungen Menschen zur Verfügung steht, gemäß dem Auftrag der Ordensgründerin Mary Ward, für das Wohl der Jugend Sorge zu tragen.“

Einen Großteil aus dem Verkauf des Gebäudekomplexes legten die Englischen Fräulein in einer Stiftung namens „Stiftung Congregatio Jesu – Südtirol“ zur Förderung bedürftiger Schülerinnen und Schüler, Studentinnen und Studenten aller drei Sprachgruppen aus Südtirol an. So werden heute bereits über 100 Stipendien pro Jahr vergeben.

Erbe und Auftrag

Die Zahl der Schwestern, die im Konvent lebten (in den 70er-Jahren 50 bis 60 Schwestern) und in den Schulen unterrichteten, wurde im Laufe der Jahre immer kleiner. 1993 wurde nach 33-jähriger Erziehungstätigkeit in der Villa Imperial das Heim aufgelassen. Nach dem Umbau für altersgerechtes Wohnen übersiedelte die Schwesterngemeinschaft aus dem Hause am Sandplatz im Jahre 2004 in die Villa Imperial. Das Haus wird jetzt als Altenheim für die Schwestern genutzt. In der Meraner Kommunität leben derzeit 20 Ordensfrauen. Heute sind die meisten von ihnen bereits über siebzig Jahre alt und auch ihre Gesundheit ist teilweise angeschlagen. Dennoch arbeiten die, die es noch können, entweder in Altersheimen oder sind in verschiedenen Bereichen wie z. B. in Meditations- oder Bibelgruppen tätig.

Novizinnen, wie die Anwärterinnen auf dem Weg zur Ordensschwester genannt werden, sind seltener geworden und sie sehen ihren Weg meist nicht mehr in einer Schule, sondern mehr in Richtung sozialer oder karitativer Leistungen.

„Anders als für Mary Ward im 17. Jahrhundert, für die Religion und Kirche zusammengehörten, leben heute viele zwar gläubig, tun sich jedoch schwer mit der Institution Kirche“, beobachtet Schwester Alexia Alessandrini. „Der Alltag wird immer stressvoller, die Unsicherheiten nehmen zu, der Gang zur Kirche wird oft als lästige Pflicht empfunden. Zum Glück gibt es in Südtirol viele Vereine und Jugenddienste, die einen wertvollen Beitrag leisten.“ Und Sr. Cristina Irsara betont: „Das Leben ist nicht nur eindimensional, sondern hat auch eine geistig-spirituelle Dimension. Nicht an Gebeten und der Beziehung zu einem Glauben, sondern auch durch Werte wie Aufrichtigkeit, Gerechtigkeit, Loyalität und sozialer Einsatz zeigt sich ein christliches Verhalten.“

„Die Kirche verändert sich und so auch unsere Gemeinschaft. Sicher gibt es immer weniger Priester und Ordensleute, dafür bringen sich Laien und vor allem Frauen mehr und mehr im kirchlichen Dienst ein. Wir vertrauen darauf, wie unsere Gründerin Maria Ward, dass uns Gott auch heute den Weg für unsere Zukunft weist und uns führt und begleitet“, unterstreicht Sr. Maria Pia.

Ein Artikel aus der Rubrik Titelthema  von Eva Pföstl (ep)

Sie finden diesen Artikel im Meraner Stadtanzeiger 3/2018 und können die Ausgabe hier als PDF downloaden