3. Dezember: Internationaler Tag der Menschen mit Behinderung.

Die Welt im Zeichen der Menschen mit Behinderung

03. Dezember 2021

Der 3. Dezember ist internationalen Tag der Menschen mit Behinderung. Überall auf der Welt finden gerade verschiedenste Aktionen statt – und alle mit demselben Ziel: Die gesellschaftliche Teilhabe dieser Menschen zu erhöhen. Auch hier in Südtirol wird der heutige Tag dazu genutzt, die über 46.000 Zivilinvaliden und Menschen mit Behinderung in den Blickpunkt der Öffentlichkeit zu stellen. Als größte Interessensvertretung der Südtiroler Menschen mit Behinderung berichtet die Vereinigung der Zivilinvaliden (ANMIC Südtirol) über bestehende Problematiken und mutmachende Erfolgsgeschichten.

Indem die Bevölkerung auf die Probleme und Benachteiligungen der Menschen mit Behinderung aufmerksam gemacht wird, soll ihre Lage verbessert werden. Dieser Grundgedanke war es, welcher die Vereinten Nationen am 3. Dezember 1993 dazu veranlasste, den „internationalen Tag der Menschen mit Behinderung“ ins Leben zu rufen. Heute, 28 Jahre später, wird dieses Leitmotiv global umgesetzt: Weltweit setzen sich Kampagnen und Organisationen für die Rechte und die soziale Inklusion von jenen Menschen ein, die mit unterschiedlichsten Beeinträchtigungen und den damit verbundenen alltäglichen Problemen leben müssen.

„Auch hier in Südtirol möchten wir diesem Ansatz folgen“, erklärt Thomas Aichner, Präsident der ANMIC Südtirol. „Indem wir auf die Probleme der Südtiroler Zivilinvaliden und Menschen mit Behinderung aufmerksam machen, darüber berichten und Lösungsansätze vorbringen, tragen wir aktiv zur sozialen und beruflichen Inklusion dieser Menschen bei.“ Die größte Südtiroler Interessensvertretung für Menschen mit Behinderung weiß, dass viele problembringende Vorurteile bereits mit falschen Assoziationen beginnen. „Der Begriff „Zivilinvalide“ wird fälschlicherweise häufig mit einer schwerkranken Person in Verbindung gebracht. Deshalb gehen andere Menschen und Unternehmen davon aus, dass Zivilinvaliden eine Belastung sind. Das stimmt allerdings nicht.“

Ob Asthma, chronische Migräne, Bronchitis, motorische Einschränkungen, Depression oder Diabetes: Die Zivilinvalidität hat tausende Gesichter, deren Schweregrad von einer Ärztekommission zwischen 34 und 100 Prozent bewertet wird. Dass diese nicht zwingend mit einer Schwerstbehinderung einhergehen muss, ist vielen Menschen nicht bekannt. „In den meisten Fällen können Zivilinvaliden genauso gut arbeiten und am sozialen Leben teilhaben, wie Personen ohne Beeinträchtigung“, erklärt Thomas Aichner weiter. „Allein dieser Irrtum führt dazu, dass arbeitssuchende Zivilinvaliden schwerer eine Anstellung finden. Manche Betroffene lassen sich deshalb nicht als Zivilinvalide anerkennen und können die angebotenen Hilfeleistungen niemals beanspruchen. Außerdem glauben viele Unternehmen zu Unrecht, dass Zivilinvaliden keine gewinnbringende Arbeit leisten könnten, nicht belastbar oder ständig krank sind. Die Praxis und Forschung zeigt, dass oft sogar das Gegenteil der Fall ist, also dass Menschen mit Behinderung weniger oft krankheitsbedingt fehlen und loyalere Arbeitnehmer sind. Trotzdem schrecken zahlreiche Betriebe vor einer Einstellung zurück. Dies hat unter Anderem zur Folge, dass die Arbeitslosenquote von Zivilinvaliden in Südtirol mehr als drei Mal so hoch ist wie bei Menschen ohne Behinderung.“ Durch Sensibilisierungskampagnen, Vorträgen, Informationstagen und medialer Aufklärungsarbeit steuern Südtirols Vereinigungen dieser Problematik seit Jahren aktiv entgegen.

Obwohl Südtirol die Europäischen Richtlinien befolgt hat und mit dem Landesgesetz vom 14. Juli 2015 die Nichtdiskriminierung, die Chancengleichheit sowie die gesellschaftliche Inklusion und volle Teilhabe dieser Menschen gewährleistet, sieht die Realität oft anders aus. Viele Zivilinvaliden und Menschen mit Behinderung werden im Alltag noch immer bewusst oder unbewusst diskriminiert und ungleich behandelt. Oft hat dies einen negativen Einfluss auf das Selbstbewusstsein der Betroffenen, die sich zurückziehen, nicht fortbilden oder trotz Talent und Interesse bestimmte Berufswege nicht einschlagen. Hier kann eine gezielte Weiterbildung das Leben dieser Menschen von Grund auf ändern. Allein 2021 gab es in Südtirol mehr als 100 Weiterbildungskurse speziell für Menschen mit Behinderung, welche verschiedenste Themenfelder behandelten: Wo manche Kurse durch das Vermitteln von u.a. sportlichen oder kreativen Aktivitäten auf die gesellschaftliche Integration dieser Menschen abzielten, vermittelten andere Kurse spezifisches Fachwissen, damit die Arbeitseingliederung von Menschen mit Behinderung gefördert und erleichtert wird.

Ein erfolgreiches Beispiel ist ein vom Europäischen Sozialfonds (ESF) finanzierter Buchhaltungskurs, an dem 10 arbeitssuchende Zivilinvaliden zwischen 25 und 59 Jahren aus Südtirol teilnahmen. Etwa ein halbes Jahr lang erlernten Sie in 11 von Experten unterrichteten Modulen zahlreiche Kompetenzen aus dem Bereich der Buchhaltung und Bilanzierung. Neben einem theoretischen Teil umfasste der Kurs auch ein zweimonatiges Praktikum bei einem Südtiroler Unternehmen, wodurch die Teilnehmer die erlernten Fähigkeiten in der Praxis anwenden konnten. Gleichzeitig hatte das Praktikum zur Folge, dass die Betriebe hinsichtlich der Thematik „Zivilinvalidität“ sensibilisiert wurden. Heute, knapp 6 Monate nach Kursende, haben beinahe alle Teilnehmer eine Anstellung gefunden. So auch Lukas Trenkwalder aus Schenna, der heute im Buchhaltungsbereich beim WOBI, Institut für den sozialen Wohnbau Meran beschäftigt ist. „Durch den Kurs habe ich mich dazu entschlossen, die Arbeit des Buchhalters auszuüben. Diese Arbeit gefällt mir sehr“, erzählt der 25-Jährige. Ähnlich zufrieden ist Thomas Schmalzl aus Kastelruth. „Ich arbeite seit einigen Monaten bei dem Rittner Unternehmen „Finstral“. Dem Kurs verdanke ich nicht nur meinen Arbeitsplatz, sondern auch die dort gewonnenen Freundschaften.“

Dass das Erlernen spezifischer Kompetenzen nicht nur im Schulalter grundlegend ist, wird besonders im Falle der Zivilinvalidität deutlich, erklärt Thomas Aichner. „Niemand kann vorhersagen, welchen Lauf eine angeborene oder erworbene Krankheit nehmen wird und wie diese das Leben beeinflussen wird. Gewiss ist allerdings, dass es in Südtirol viele Zivilinvaliden und Menschen mit Behinderung gibt, die aufgrund ihrer Krankheit große Schwierigkeiten haben, ihren alten Beruf bis zum Pensionsalter von 67 Jahren auszuüben. Da eine Krankheit oft unerwartet auftreten kann sind Kurse und Umschulungen für alle Altersklassen wichtig. Es geht darum, die richtige Arbeit mit den richtigen Aufgaben zu finden und das soziale Umfeld zu sensibilisieren, damit jeder Mensch ein vollwertiges und integriertes Mitglied der Gesellschaft bleiben kann.“

Dieser Appell nach mehr sozialer und beruflicher Inklusion ist es, der anlässlich des Internationalen Tages der Menschen mit Behinderung besonders laut gehört werden soll. Deshalb sollten sich an diesem Tag alle von uns die Zeit nehmen, sich kritisch mit der eigenen Wahrnehmung auseinanderzusetzen und zu überlegen, welche Alltagshandlungen und Ansichtsweisen zur gesellschaftlichen Teilhabe dieser Menschen beitragen. Denn wie ein weises Sprichwort lehrt: Jeder Wandel beginnt im Kopf!

Die Vereinigung der Zivilinvaliden (ANMIC Südtirol) ist eine ehrenamtliche Organisation (EO) ohne Gewinnabsichten, die auf Staats- und Landesebene seit 1965 bzw. 1994 anerkannt ist. Als die einzige rechtliche und gesetzliche Vertretung der Zivilinvaliden und -versehrten vertritt die ANMIC Südtirol diese bei öffentlichen Ämtern sowie in privaten Betrieben, damit die Südtiroler Zivilinvaliden und -versehrten vollständig in den sozialen sowie beruflichen Alltag integriert werden. Mit mehr als 6.000 Mitgliedern ist die ANMIC Südtirol die größte Interessensvertretung für Zivilinvaliden und -versehrte in Südtirol.


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