Einsatzleitung PSYHELP beendet

02. Mai 2023

 

Dass rasches Handeln unbedingt notwendig war, um die gesamte Bevölkerung Südtirols in der Coronakrise psychisch zu stützen, war den Koordinatoren des Netzwerks Psychischer Gesundheit sofort klar.  Deshalb gründeten wir am 5. März 2020 zusammen mit der Präsidentin der Psychologenkammer die psychische Einsatzleitung PSYHELP. Sie umfasste ein Netzwerk von 35 Organisationen, von denen 15 der öffentlichen Hand angehörten. Nach drei Jahren konstanter Tätigkeit sind die Wogen fast geglättet, und wir lösen PSYHELP offiziell auf. Zwar hat die Anzahl an Patienten bei allen Psychodiensten des Landes um 20 bis 30 Prozent zugenommen. Besonders dramatisch hat sich dies bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen gezeigt. Suizidale Krisen treten deutlich häufiger auf, und der Beginn von Essstörungen erfolgt früher. Vor allem aber hat die Südtiroler Bevölkerung flächendeckend eines aus der Coronakrise gelernt: Sie sucht rascher und gezielter Hilfe bei psychosozialen Beschwerden. Es ist keine Schande mehr, auch seelisch zu leiden. Und es besteht inzwischen Vertrauen darin, dass Experten gut helfen können. Dass schwere Krisen überwunden und psychische Störungen geheilt werden können.  Dass Isolation und Orientierungsarmut beseitigt werden können. Am besten immer wieder gemeinsam, in neu zu bildenden Gruppen.

 

Dieser Lerneffekt gelingt auch deshalb, weil die öffentlichen Psychodienste inzwischen so gut vernetzt und aufgestellt sind, dass sie die Zunahme an Bedürfnissen und Patienten aushalten. Besonders hilfreich dafür war die Genehmigung von 40 Psychologenstellen im öffentlichen Dienst noch 2019. Damals konnte niemand ahnen, wie dringend all diese neuen Mitarbeiter ein halbes Jahr später gebraucht würden. Diese neu geschaffenen Stellen konnten wir während der Coronakrise laufend besetzen und nach dem größten Bedarf umschichten. Vor allem aber haben wir uns bemüht, uns den verheerenden Umständen der Krise anzupassen. Das helfende Sozialleben war auf den Kopf gestellt. Das Gesundheitswesen wurde als krank machend erlebt. Ganz plötzlich wollten Patienten keinen persönlichen Kontakt mehr zu uns, sie wollten sich nicht anstecken. Das beraubte die Psychiatrie und Psychologie ihres wichtigsten Hilfsmittels: der stützenden Begegnung, der erlebten tragfähigen Beziehung.

Wir Experten mussten schlagartig virtueller vorgehen und doch unseren Betreuten möglichst nahe kommen. Wir haben all unseren Mitarbeitern direkte Patientenbetreuung durchs Telefon vorgegeben. Nicht eine Sekretärin, sondern der behandelnde Psychiater oder der betreuende Psychologe selbst sollten all ihre Patienten anrufen. Das war Schwerstarbeit: Waren wir vorher für unsere Patienten schwer erreichbar gewesen, so wurden sie es nun für uns. Bis wir sie telefonisch aufspürten, zu Hause während der schärfsten Lockdowns noch am ehesten. Oder auch zwischendurch, wenn sie mit Covid rangen und in Quarantäne waren. Dann konnten wir mühsam auf Entfernung Diagnosen stellen und Therapien beginnen oder verändern. All das war neu zu lernen.

Wir haben im Lockdown Tausende Rezepte über whatsapp und email versandt, und auch Videotherapien begonnen, wo das möglich war.  Unsere Notfallpsychologen haben mit freiwilligem Einsatz ein Psychologisches Krisentelefon 24 Stunden ins Leben gerufen, das von Anfang März 2020 bis 1.1.2022 aktiv war. Es war so wertvoll und wichtig, dass es in Kürze verbessert, erweitert und mit viel breiteren Aufgaben versehen wieder anlaufen soll. Wir haben eine Liste hilfreicher Adressen für Notfälle (112, psychiatrischer Bereitschaftsdienst, Krisentelefon, eigene Krisennummer für Mitarbeiter des Gesundheitswesens und Einsatzkräfte) erstellt.  Wir haben sie ergänzt um eine Liste für häufige klinische Situationen (Depressionen, Angststörungen, Suchtverhalten, Essstörungen) und für niederschwellige Anliegen (Familienkonflikte, Männerberatung, Frauenhäuser) und die website www.dubistnichallein.it  in nur 3 Wochen betriebsfertig gemacht. Sie registrierte im ersten Verwendungsjahr 1000 Zugriffe pro Woche. „Dubistnichtallein“ geht von schwierigen Gefühlen aus, bietet dazu drei bis vier hilfreiche Verhaltensweisen an, und zusätzlich die Erreichbarkeit der Anlaufstellen, wenn die Ratschläge allein nicht reichen sollten.

Fachleute von PSYHELP haben die Mitarbeiter im Gesundheitswesen regelmäßig betreut und begleitet. Parallel dazu haben sie der Bevölkerung hilfreiche Ratschläge des Umgangs mit der Krise erteilt, im Besonderen über das Radio für Ältere und über die klassischen Medien für alle aggressiven oder selbstaggressiven Menschen aller sozialen Schichten. Auch in sozialen Netzwerken waren wir damit präsent. Gedacht haben wir vor allem an verunsicherte, erschütterte Jugendliche.

Wir haben die Psychologischen Dienste als breite Erstanlaufstelle über das Krisentelefon ausgebaut, und vereinbart, dass Patienten von dort bei Überlastung rasch an Psychologen anderer Einrichtungen weitergeleitet werden sollen. Diese Hilfsaktion nannten wir PSYPAKT und aktivierten sie dann, wenn die Belastung der Psychologischen Dienste zu groß zu werden drohte. All das erforderte engste Netzwerkarbeit.

In der Krise nahmen Depressionen schlagartig zu. Mit der Europäischen Allianz gegen Depression arbeiteten wir intensiv zusammen, als Sponsor fungierte Rotary. Dadurch gelang es auch in der Krisenzeit, den Ersten Oktober als Europäischen Tag der Depression zu begehen. Wir verteilten dabei an die 8.000 Broschüren zum Thema  „Depression-was tun?“ und ungefähr 12.000 Notfallkärtchen mit hilfreichen Telefonnummern gezielt an allen Spitälern und Bildungshäusern Südtirols. Auf der Bozner Messe konnte 2022 erstmals ein Stand unseres Netzwerks errichtet werden, der Resilienz und work-life-balance zum Inhalt hatte.

Auch die Kontakte mit dem Forum Prävention., das seit 2021 vom Südtiroler Gesundheitsbetrieb finanziert wird, sind intensiviert worden. Gemeinsam haben wir podcasts und Videos mit hilfreichen Inhalten produziert.

Alle Dienste des Netzwerks psychischer Gesundheit haben 2022 einen internen Bereitschaftsdienst während ihrer Öffnungszeiten entwickelt, der in Kürze auch mit Bereitschaftstelefonen ausgestattet wird. Die Wege für Betroffenen in Not sollen dadurch kürzer werden, die Hilfe gezielter und rascher.

Auf die Zunahme der Essstörungen in immer jüngerem Alter wurde mit einem Entwurf reagiert, den die Landesregierung dieser Tage beschlossen hat: Das Zugangsalter zum spezialisierten Zentrum Villa Eea in Bozen ist auf 12 Jahre herabgesetzt worden, auch das notwendige Minimalgewicht wird erniedrigt, die Zuweisung wird allen Fachärzten ermöglicht.

Um die Scheu junger Leute vor der Kontaktaufnahme mit Psycho-Diensten abzubauen, soll eine Psy-App für Südtirol entwickelt werden. Über sie soll in Zukunft eine Zuweisung an den geeignetsten Dienst für die jeweiligen Beschwerden des einzelnen Betroffenen erfolgen.

PSYHELP hat auch verschiedene wissenschaftliche Studien zur Coronakrise (Copsy, Negrar, Cosmo) mitgestaltet und relevante Erkenntnisse gerade zur Häufigkeit von Depressionen bei und nach Corona mit verbreitet.

Knapp nach Ende des ersten Lockdowns ereignete sich Anfang Juni 2020 in Südtirol die höchste Suizidhäufung seit Beginn der Aufzeichnungen. PSYHELP hat augenblicklich mit so genannten „Ermöglichungsgeschichten“ reagiert. Das sind Berichte von Menschen, die suizidale Krisen gut überstanden haben. Die erzählen, wie und mit wessen Hilfe sie das geschafft haben. Wenn diese Geschichten zusammen mit Interviews veröffentlicht werden, in denen Experten die Heilbarkeit psychischer Störungen schildern, und wenn eine Liste von Anlaufstellen dazu kommt, entsteht ein Schutzeffekt vor weiteren Suiziden. Das ist inzwischen wissenschaftlich festgestellt worden. All das haben wir mit PSYHELP innerhalb weniger Tage getan. Parktisch alle Medien Südtirols haben uns dabei unterstützt. Nach einer Woche sank die Suizidhäufigkeit auf den jährlichen Durchschnitt zurück.

Rückblickend war die Krise auch ein großes Lernfeld, in dem es die Südtiroler Bevölkerung verstanden hat, besser auf das eigene psychische Gleichgewicht zu achten. Und auch wenn wir Fachkräfte eher erschöpft daraus hervorgehen, eines hat sich auf jeden Fall drei Jahre lang gezeigt: unsere Nützlichkeit.

 

Roger Pycha

 


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