There’s a World Going on Underground

17.09 – 03.10.2021 | Kunsthalle West Lana (BZ)

14. September 2021

Mit: Cecilia Borettaz | Renato Calaj | Massimiliano Fabbri | Igor Molin | Nicola Samorì | Thomas Scalco | Alberto Scodro | Mattia Zoppellaro

 

Kuratiert von Gabriele Salvaterra

 

 

Die Dimension des Unterirdischen hat etwas Unverständliches. Wenn man sie sieht, ist sie schon manifest und materiell wahrnehmbar in ihrer Äußerlichkeit. Alles, worauf unser Verständnis von Realität beruht, ist nur eine vage Darstellung eines niemals fassbaren Seins. Und trotz allem herrscht noch die Vorstellung, dass unter dem Deckmantel der Erscheinung eine vollkommene Wahrheit versteckt sein könnte, hinter dieser kulissenhaften Fassade, auf der unser Alltag passiert und vorüberzieht. Aber wenn wir tatsächlich die Mauer durchbrechen, dann verwandelt sich der Untergrund unausweichlich in eine neue Oberfläche, unter der sich tausende neue Untergründe auftun. Wie eine russische Matrioska zieht sich das Spiel des Entdeckens und der Verdeckung ins Unendliche und wechselt dabei zwischen der physischen und symbolischen Welt hin und her. Allein schon die Bezeichnung “untergründig” – Underground – bringt das vermeintlich Versteckte ans Tageslicht. Eine trübe Vorstellung wird Wirklichkeit und erhält klare Strukturen. Das wirft die Frage nach der Daseinsberechtigung derartig entstandener Vorstellungen auf. Gibt es z.B. Unterschiede zwischen einem leeren und einem vollen Schrank, auch wenn dieser geschlossen ist und von außen sowieso gleich aussieht? Verändert der Inhalt das Wesen des Möbels? Oder anders gesagt: Wo liegt die Differenz zwischen einem gedruckten Bild und derselben Abbildung, wenn diese aus zahllosen Farbschichten und Nuancen malerisch gestaltet wird? Feine Pinselstriche, deren Überlagerung zwar nicht sofort erkennbar aber doch irgendwie wahrnehmbar ist?

                    

Dies sind nur einige Überlegungen zum Underground. Doch worum geht es nun? Ziel der Schau ist, unserem Bewusstsein die Wahrnehmung latent existierender Zustände und Wirklichkeiten zu ermöglichen: Dinge, die unserem Anspruch an Endgültigkeit nicht gerecht werden und trotzdem an ihrem Daseinsanspruch festhalten, sei im Universum als auch auf Erden. Es geht um den direkten Bodenkontakt, um den Wirklichkeitsbezug, dem nichts Göttliches oder Absolutes innenwohnt. Konkret und körperlich, naheliegend und dennoch nicht greifbar. Der Kosmos expandiert und breitet sich ständig weiter aus, während der Untergrund wie ein kompaktes Mysterium geschlossen daliegt. Unter der Oberfläche verbirgt sich eine lebendige und geheimnisvolle Welt, die unsichtbar und dennoch präsent ist. Sie entzieht sich dem menschlichen Blick in vielerlei Hinsicht: Sozial in den alternativen Subkulturen, mental und psychologisch bei all jenen Erfahrungen, die wir am liebsten vergessen und verdrängen möchten sowie im rein physischen Sinne, wenn sich etwas einfach “drunter” befindet und wir es mit unseren Augen nicht erkennen können. Acht Künstlerinnen und Künstler setzten sich mit dem Underground auseinander und werfen dabei die Frage auf, inwiefern man etwas Nicht-Sichtbares ausstellen kann, wo sich doch diese Dimensionen diametral und fast unvereinbar gegenüberstehen. Ist ein Gelingen dieses Vorhabens nicht von vornherein zum Scheitern verurteilt? Wie kann man vom Unterirdischen sprechen, ohne es dabei ans Tageslicht zu holen und im Augenblick der Entdeckung sogleich zu zerstören? 

 

Cecilia Borettaz greift auf farbige Zeugnisse vergangener Zeiten zurück und lässt zu, dass sich ihre Kompositionen im Wasser wie von selbst ergeben, in großen Farbwannen, aus denen ihre Werke wie geologische Schichten hervortreten: Dichte Materiallagen, die auf eine tausendjährige Entstehungsgeschichte zurückschauen. Die Künstlerin birgt diese Zeitdokumente aus dem Untergrund, wo Gesteinsmassen, verborgene Wasserreservoirs und tektonische Platten als Basis unseres Daseins auf Erden fungieren. Einen materiell spürbaren Untergrund erforscht die Kunst von Alberto Scodro, der mit seinen skulpturalen Arbeiten, darunter u.a. Abgüsse von Maulwurfsschächten, eine Beschleunigung der miteinander reagierenden Materialketten bewirkt, die sonst ganze Zeitalter für ihre Entstehung benötigen würden: „Meine Arbeiten kommen aus der Erde, denn aus ihr stammt das Leben. Ich vergleiche mein Schaffen mit einem Samen, der auf den Boden fällt und zu Nahrung wird, die wiederum unseren Organismus am Leben hält”, so der Künstler. Igor Molin erweitert das Konzept um die Vorstellung zeitgenössischer Städte: Friedhöfe eines sich selbst auffressenden Massentourismus. Im Falle Molins geht es dabei um Venedig. In den Schlamm gerammte Balken, wie eine tellurische Strömung der Geschichte, und über allem schwebt das Bild des einst schillernden Paris: „Unendliche Gestalt, hyperbolisches Wesen aus tausend Leben, die verschmelzen und gegeneinander antreten. Ein Land der Eingeweide und immer bereit, wie eine Kloake aus dem Untergrund herauf zu speien” (Georges Didi-Huberman).

Damit gelangen wir zur Malerei, wo Thomas Scalco am Rande der Abstraktion nach Formen sucht, die einen sicheren und heilsamen Raum bieten und dabei nichts von der Negativität einer platonischen Höhle haben. Hier kann der Mensch, bestenfalls als Eremit oder Prophet, in sich gehen und fernab weltlicher Helligkeit zu seiner Mitte finden. Die Dynamik zwischen oben und unten, zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren, ist eine urtypische Eigenschaft der Malerei. Die Bildebene als Ort der Vielschichtigkeit, der Überdeckung und des Löschens – die hauchdünne Oberfläche des Bildträgers wird zum Sammelsurium dichtester Striche. Bei Massimiliano Fabbri wird dieser Prozess zum Inhalt. Den aus der Botanik entliehenen Symbolen kommt eine doppelte Bedeutung zu: Zum einen wird damit auf das Pflanzenwachstum eingegangen und zum anderen geht es dabei um die Malerei und den menschlichen Geist, denn ein Wald, ein Gemälde oder unser Erinnerungsvermögen funktionieren ähnlich. Sie entstehen auf filigrane und prekäre Art und Weise dank ständiger Verblendungen, Verwischungen und Überlagerungen, die sich nicht horizontal, sondern nur vertikal in die Tiefe entwickeln können. Ausgehend von der Materialität der fleischlichen Welt, die ihren Höhepunkt in der Kunst im 17. Jh. erreicht hat, wirft Nicola Samorì einen Blick unter die zarten Hautoberflächen und sucht dabei nach verborgenen Seelen: „Mein Werk ist das Ergebnis einer Grabung. Als Künstler bin ich wie ein Minenarbeiter, der im Inneren der Bilder nach ihrer Zweideutigkeit sucht, auch wenn diese nicht gleich als solche erkennbar ist”. Dieses malerische Sakrileg will keine absoluten Wahrheiten offenbaren, sondern vermeintliche Sicherheiten wie den sprichwörtlichen Handschuh von innen nach außen stülpen und versteckte Geheimnisse hervorbringen.

Zum Schluss kann der Untergrund auch einen sozialen Aspekt haben, und zwar wenn er Welten auftut, die den meisten gehobenen Gesellschaften unbekannt sind. Der Underground der Metropolen ist das Experimentierfeld von Renato Calaj, der dieses Konglomerat an Energie in Kunst bannt. Undefinierbare Zeichen mit Spraydosencharakter, zementgraue Nuancen und bröckelnde Mauerfassaden erinnern an die Ursprünge der Straßenkunst, die in den Räumlichkeiten zeitgenössischer Galerien mittlerweile eine zentrale Rolle spielt. Mattia Zoppellaro knüpft hier an und widmet sich jenen Menschen, die an vermeintlich verlassenen Orten abseits der Gesellschaft ihr Dasein entfalten. Als Fotograf für bekannte Magazine tätig, betreibt Zoppellaro mit seinem Fotoapparat zugleich eine fast schon soziologische Studie zu den unterschiedlichen Subkulturen der Welt. Die Hip-Hop-Szene von Dakar oder der Neopunk in Russland werden von seinen Aufnahmen kurzzeitig freigelegt, um anschließend sofort in eine neue Trübheit abzusinken.   

Auf individuelle Art stellt sich jede der genannten Positionen dem Untergrund: Physisch, mental, metaphorisch, sozial; was dabei herauskommt, ist eine Realität, die sich abseits der sichtbaren Welt stets weiterentwickelt und ihren Weg bahnt. Durch die künstlerische Intervention wird der Underground zum Mainstream und erschafft auf diesem Wege neue und nie geahnte Dimensionen des Unsichtbaren – reine Andeutung, keine Garantie.

 

Text: Gabriele Salvaterra (2021)

Übersetzung: Adina Guarnieri