Was ist Natur wert?
17. März 2022
Einige Landwirte wollen aus dem Haidersee eine bedeutende Menge Wasser ablassen, um auf 2.000 Hektar Äpfelwiesen für wenige Tage die Frost-Beregnung sicherzustellen. Damit verendet zugleich der diesjährige Jahrgang an Fischen und andere Lebewesen. Das Beispiel Haidersee zeigt: Es braucht eine Diskussion über den Wert der Natur.
Wie viel ist der Gesellschaft der Abschnitt eines Flusses mit all seinen Lebewesen wert? Diese Frage stellt sich jetzt am Haidersee. Das Energieunternehmen Alperia soll auf Druck einiger Landwirte aus dem See eine bedeutende Menge an Wasser ablassen, um auf 2.000 Hektar Fläche die kälteempfindlichen Äpfelblüten vor Frost zu schützen. Die Begründung: Die Arbeiten am Druckstollen des Reschenstausees haben sich um drei Wochen verzögert und damit könnte für eine kurze Zeit im April kein Wasser zur Verfügung stehen.
Die zuständige Dienststellenkonferenz hat am 10. März das Vorhaben abgelehnt: „Gerade in den Monaten März/April befinden sich die Fischeier noch in der Entwicklungsphase bzw. es beginnt bereits die delikate Schlupfphase. Das geplante Ablassen des benötigten Frostschutzwassers aus dem Haidersee würde diese Entwicklungsphase dramatisch beeinträchtigen, sodass von einer weitgehendsten Zerstörung des diesjährigen Jahrgangs des Fischbestandes in diesem Gewässerabschnitt ausgegangen werden muss“.
In der Etsch zwischen Haidersee und Glurns ist der Wasserstand stabil, womit Wassertiere einen guten Lebensraum vorfinden. Es kommen Bachforellen und die Marmorierte Forelle sowie die geschützte Mühlkoppe vor. In Zahlen ausgedrückt: Normalerweise fließen etwas mehr als 380 Liter pro Sekunde. Alperia soll auf Verlangen einiger Privater rund 6.000 Liter pro Sekunde ablassen – womit Fischeier und andere Lebewesen unwiederbringlich fortgeschwemmt werden. Beim Ein- und Ausfluss des Haidersees gibt es außerdem jeweils ein Biotop, also einen ganz bedeutenden und daher auch gesetzlich geschützten Lebensraum für Tiere und Pflanzen. Das Absenken des Wasserspiegels im Haidersee hat negative Folgen für die Schutzgebiete. Damit das für die Frostberegnung eventuell notwendige Wasser ausfließen kann, müssen außerdem die Bagger anrücken.
Die Zerstörung des Biotops und der aquatischen Lebensräume zwischen Haidersee und Glurns ist mit dem negativen Gutachten der Dienststellenkonferenz nicht vom Tisch. Der Ball liegt jetzt bei der Politik, die mittels Notverordnung die Nutzung des Wassers noch ermöglichen könnte. Die Umweltverbände vertrauen darauf, dass die Landesregierung im Sinne der Nachhaltigkeitsstrategie „Everyday for Future“ keine Notverordnung unterschreibt. Und sie fordern die Regierung auf eine gesellschaftspolitische Diskussion über den Wert der Natur zu initiieren. Es braucht einen Konsens darüber, wo welche Art von Bewirtschaftung betrieben werden soll, was uns die Artenvielfalt und eine funktionierende, sich selbst regulierende Natur wert ist.
Gemeinsame Medienmitteilung von Dachverband für Natur- und Umweltschutz, Umweltschutzgruppe Vinschgau, Arbeitsgemeinschaft für Vogelkunde und Vogelschutz und Vogelschutzgruppe Gröden "Grupa per la defendura di uciei" zum Haidersee und dem Wert der Artenvielfalt.
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