Selbstständig wohnen, selbstständig leben
Im Sommer 2026 von Eva Pföstl
Lebenshilfe Onlus begleitet junge Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen auf dem Weg zu mehr Autonomie – mit einem Projekt, das so individuell ist wie die Menschen, die daran teilnehmen. Einen eigenen Alltag gestalten, in einer Wohngemeinschaft leben, Entscheidungen selbst treffen – was für viele junge Erwachsene selbstverständlich ist, bedeutet für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen oft einen langen und mutigen Weg. Genau diesen Weg möchte das Projekt „Wohnen und Wachsen“ von Lebenshilfe Onlus gemeinsam mit den Betroffenen, ihren Familien und dem sozialen Umfeld gehen. Wir haben bei Christiane Gruber nachgefragt, was dahintersteckt.
MS: Frau Gruber, „Wohnen und Wachsen" – der Name klingt fast poetisch. Was verbirgt sich dahinter und wie ist die Idee zu diesem Projekt entstanden?
Christiane Gruber: Das ESF-Projekt „Wohnen und Wachsen –Abitare e Crescere“ knüpft an die Erfahrungen aus dem vorangegangenen ESF-Projekt „Next Step“ an und zielt darauf ab, junge Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung, die in Südtirol leben, maßgeschneiderte Wege zum selbstständigen Wohnen anzubieten. Die Angebote zur Vorbereitung auf ein selbstbestimmtes Wohnen, die Gruppenaktivitäten und individuelle Wohnbegleitung miteinander verbinden, beziehen auch die Familien der Teilnehmenden mit ein und zielen darauf ab, die für die Bewältigung eines selbstständigen Alltags notwendigen Kompetenzen zu entwickeln und das Bewusstsein für das Erwachsenenleben zu stärken, somit zu wachsen.
Viele junge Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen leben lange im familiären Umfeld. Warum ist das eigenständige Wohnen außerhalb dieses Rahmens so ein wichtiger Schritt?
Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung haben das Recht auf ein eigenständiges und selbstbestimmtes Leben. Damit sie auch selbstständig leben können, ist es wichtig, frühzeitig Erfahrungen außerhalb des familiären Umfelds zu machen. So kann die Ablösung zwischen Eltern und Kindern schrittweise erfolgen und muss nicht erst in einer Notfallsituation unter Zeitdruck organisiert werden – Situationen, in denen eine schnelle Lösung oft nicht die bestmögliche ist.
Jeder Mensch ist anders. Wie stellen Sie sicher, dass der individuelle Weg wirklich auf die Person zugeschnitten ist und nicht nach Schema F verläuft?
Damit der Weg nicht nach einem festen Schema verläuft, beginnt die Begleitung immer mit einer Einschätzung der individuellen Ausgangslage. In den Erstgesprächen werden die Wünsche, Fähigkeiten und Bedürfnisse der teilnehmenden Personen ermittelt. Zusammen mit dieser und deren Bezugspersonen werden die Ziele definiert und die ersten Schritte geplant. Wenn nötig, wird auch das weitere Netzwerk der Person mit einbezogen. Das individuelle Projekt wird flexibel und konstant den Bedürfnissen und Forstschritten der teilnehmenden Person angepasst. Das Projekt stärkt die dort vorhandenen Ressourcen, fordert ihre Verantwortung und lädt zur aktiven Mitwirkung ein.