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Interview mit Landesrat Philipp Achammer

Am 4. Juli 1985 in Brixen geboren, wohnhaft in Vintl, verlobt mit „Zett-Miss Südtirol 2016“, Nicole Uibo. 2013 wurde Achammer zum jüngsten Landtagsabgeordneten der SVP gewählt, seit 2014 ist er Landesrat für Deutsche Bildung und Kultur und für Integration. Am wohlsten fühlt sich Achammer am Berg – „weil in der Höhe so manches Problem ganz winzig erscheint.“

Die Stadt Meran feiert ihr 700-Jahr-Jubiläum. Grund genug, dass der Meraner Stadtanzeiger unseren Landesrat für Deutsche Bildung und Kultur und für Integration um ein Interview bat.

Meraner Stadtanzeiger (MS): Wie sehen Sie als Landesrat die „kulturelle“ Entwicklung der Stadt Meran?
Ph. Achammer:
Ich denke, Meran hat sehr gut daran getan, in den vergangenen Jahrzehnten einen besonderen Fokus auf die Kultur zu richten und sich als Kulturstadt zu positionieren. Das vielfältige Angebot, die professionelle Umsetzung und die positive Resonanz geben den Meranern recht. Quer über alle Kultursparten hinweg, bei Theater, Musik, Kunst, Museen, aber auch in der alternativen Szene weiß Meran mit einem erstklassigen und über die Stadt hinaus überzeugenden Angebot zu begeistern. Für die Zukunft gilt es sicherlich, noch mehr die Synergien zu nutzen und das kulturelle Angebot gebündelt zu präsentieren, damit man gemeinsam noch stärker punktet.

MS: Die Stadt Meran feiert heuer ihre 700 Jahre. Dabei geht es nicht nur um “Vergangenheitsbewältigung”, sondern insbesondere auch um die Frage einer nachhaltigen Stadtentwicklung, besonders auch im Bereich Bildung, Kultur und Integration. Welche Rahmenbedingungen bietet diesbezüglich Ihre politische Agenda?
Ph. Achammer:
Bildung, Kultur und Integration sind Schlüsselressorts, wenn es darum geht, eine Gesellschaft zu formen und nachhaltig zu prägen! Unser Bildungssystem ist geprägt vom ständigen Bemühen, unseren Kindern und Jugendlichen die bestmögliche Ausbildung für die Anforderungen der heutigen Arbeitswelt zu gewähren und sie zu offenen und kritischen Menschen zu machen, die eigenverantwortlich Entscheidungen treffen. Die Kultur hingegen trägt ganz wesentlich zum Reifen und Weiterentwickeln einer Gesellschaft bei und darf deshalb nie als Luxus gesehen werden. Damit sie sich entfalten kann, braucht sie ein starkes Lobbying. Mit dem neuen Landeskulturgesetz haben wir eine gesetzliche Vereinfachung erreicht, ein breiteres Spektrum an Förderinstrumenten und Förderungsberechtigten geschaffen und die Planungssicherheit für Kulturschaffende erhöht. Die Integration neuer Mitbürger schließlich ist eine Schlüsselfrage unserer Zeit. Damit Integration und somit ein friedliches Zusammenleben unter neuen Voraussetzungen gelingen kann, braucht es ein Wechselspiel des Forderns und Förderns. Mit der Integrationsvereinbarung haben wir die Grundsätze der Integration definiert, nun wollen wir auch noch die gesetzlichen Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass die Bemühungen zur Integration an Sozialleistungen gekoppelt werden kann. Ich denke, Meran ist mit seinen vielfältigen Angeboten sehr gut aufgestellt und kann bei den vorgegebenen Rahmenbedingungen seine Position als Stadt der Bildung, Kultur und Begegnung festigen und ausbauen.

MS: Für viele ist Meran bereits „DIE“ Südtiroler Kultur- und Literaturstadt. Empfinden Sie das auch so? Was sieht Ihr Budget für die Stadt Meran vor?
Ph. Achammer:
Aus dem von mir verwalteten Kulturbudget erhalten Meraner Vereine und Initiativen jährlich rund 1,3 Mio. Euro an Beiträgen. Darunter fallen die ordentlichen Tätigkeiten, kulturelle Projekte oder Investitionen, Publikationen, Bildungstätigkeit sowie die Förderung einzelner Künstler. Zusätzlich gibt es Mittel für die Bibliotheken, die Weiterbildung und Jugendarbeit. Betrachtet man über die blanken Zahlen hinaus Vielfalt und Charakter der Projekte und Initiativen, so kommt man nicht umhin festzustellen, dass Kultur eine Strahlkraft in Meran und für Meran entfaltet, die weit über Südtirol hinaus reicht. 2017 werden die Beiträge aufgrund verschiedener Initiativen zum Stadtjubiläum im Übrigen erkennbar höher sein.

MS: Im Bezirk Burggrafenamt hat Meran eine starke Mittelpunktsfunktion übernommen. Die prägende soziale, kulturelle und wirtschaftliche Rolle in Südtirol wurde gefestigt, ebenso das friedliche Zusammenleben der Sprachgruppen und Kulturen. Welchen Beitrag kann die Schule dazu leisten?
Ph. Achammer:
Bildung hat einen grundlegenden sozialen, kulturellen, aber auch ökonomischen Wert. Sie bereitet den Einzelnen darauf vor, in einer zunehmend komplexer werdenden Welt Orientierung zu finden und Verantwortung zu übernehmen. Wissen ist dabei neben der Beziehung die zentrale Ressource. Die heutigen Rahmenbedingungen bieten einen kapillaren Zugang zu Wissen, und die Bildungseinrichtungen vermitteln jungen Menschen die Fähigkeit, dieses Wissen zu erschließen. Damit sind auch für Meran als Schulstadt alle Voraussetzungen gegeben, diese Positionierung auch über die Bildung zu stärken.

MS: Gibt es Neuigkeiten zu den Platzproblemen in der Mittelschule Obermais?
Ph. Achammer:
Es ist unser gemeinsames Bemühen mit der Stadtgemeinde Meran, hier eine Lösung zu finden. Mittelfristig wird die Schule im Maiense-Gebäude untergebracht, in Zukunft hingegen möglicherweise im Böhler-Schulkomplex.

MS: Was halten Sie vom Vorschlag des Senators Palermo bezüglich Errichtung einer zweisprachigen Schule?
Ph. Achammer:
In einem mehrsprachigen Land wie Südtirol sollte Mehrsprachigkeit keine Ausnahme, sondern die Norm sein. Die Chancen, die sich unserem Land aufgrund seiner Mehrsprachigkeit bieten, müssen wir ergreifen: Denn die Mehrsprachigkeit ist ein Reichtum für unser Land, in erster Linie eine persönliche Qualifikation und ein bedeutender wirtschaftlicher Vorteil. Die deutsche Schule in Südtirol stellt sich deshalb bewusst der Herausforderung, die Förderung der Mehrsprachigkeit bei allen Bürgerinnen und Bürgern als eines ihrer vorrangigen Ziele zu setzen, ist sich jedoch bei aller Förderung der Mehrsprachigkeit stets bewusst, dass die deutsche Muttersprache für die Südtiroler von besonderer Bedeutung ist. Es gilt deshalb, die vielfältigen Spielräume für den Spracherwerb effektiv zu nutzen und nicht immerzu nach einem kaum definierten mehrsprachigen Modell zu rufen. Bereits heute ist innovatives Sprachenlernen auf vielfältige Weise möglich. In diesem Sinne werden wir unsere Politik zur Förderung der Mehrsprachigkeit konsequent fortsetzen, jedoch nicht auf unser eigenständiges Bildungssystem verzichten.

MS: Südtirols Schule steht laut PISA-Studie sehr gut da, wir liefern konstant gute Werte, die deutlich über dem OECD-Schnitt liegen. Allerdings gilt es, zu beachten, dass der OECD-Mittelwert über die Jahre immer niedriger wird, was bedeutet, dass die Kompetenzen insgesamt zurückgehen. Diesem Trend folgt auch die deutsche Schule, und das in allen drei Bereichen: Im Vergleich zum Jahr 2012 ist der Mittelwert in Naturwissenschaften um 8 Punkte gefallen, im Lesen um 5, während er in Mathematik um ganze 15 Punkte zurückgegangen ist und damit sogar unter dem Wert von 2006 liegt. Gibt Ihnen das zu denken? Schuld der digitalen Medien, der Eltern oder der Lehrer?
Ph. Achammer:
Wir sollten zunächst nicht vergessen, dass es sich bei den PISA-Ergebnissen um einen Ausschnitt handelt, um die Erhebung eines Lern- und Leistungsstandes nämlich, der nur einen kleinen Teil des Unterrichts abbildet. Vieles, was einen guten Unterricht ausmacht, kommt nicht in dieser PISA-Studie zum Ausdruck, die sogenannten „soft skills“ etwa, Sozialkompetenzen, das Übernehmen von Eigen- und Gemeinschaftsverantwortung, das aufeinander Eingehen, oder etwa auch das Künstlerisch-Musische. Die künftigen Tests werden – so viel ist sicher – verstärkt auch auf weitere Kompetenzen Rücksicht nehmen und damit ein umfangreicheres Bild zeichnen. Deshalb sollte weniger der Durchschnittswert im Mittelpunkt der Betrachtung stehen als die Frage, ob uns Chancengleichheit und Chancengerechtigkeit gelingt, ob sozioökonomische Nachteile kompensiert werden oder wie uns eine laufende Qualitätssicherung und Qualitätsbegleitung gelingen. Als Fazit kann man ohne Umschweife behaupten, dass Südtirols Schule sehr gut aufgestellt ist, weshalb wir Schule Vertrauen schenken, weiter in Bildung investieren und die Bedeutung einer guten Ausbildung hochhalten sollten. Unser Bildungssystem ist imstande, jungen Menschen Chancen zu verleihen. Genau darum geht es letztlich!

MS: Ein Mädchen, das heute in Meran geboren wird, hat gute Chancen, 100 Jahre alt zu werden. Diese Aussicht allein zwingt zum Nachdenken: Unsere Lebensentwürfe passen schlicht nicht mehr zu unserer Lebenszeit, eingeübte gesellschaftliche Konzepte werden schief. Braucht es einen neuen Heimatbegriff?
Ph. Achammer:
Der römische Dichter Pacuvius meinte einst: „Ubi bene, ibi patria“, übersetzt „Wo es dir gut geht, dort ist die Heimat.“ Heimat ist in erster Linie ein Ort des tiefsten Vertrauens, die eigene intakte Welt. Gerade wer für lange Zeit seine Heimat verlässt, lernt erst richtig zu schätzen, was Heimat in ihrem Innersten bedeutet. Es gibt deshalb keine klare Antwort auf die Frage, was Heimat ist. Dementsprechend war der Heimatbegriff immer schon vom jeweiligen Zeitgeist beeinflusst. Ähnlich verhält es sich mit den gesellschaftlichen Konzeptionen. Auch sie waren schon immer den Veränderungen unterworfen. Auf neue Lebensmodelle und neue Fragen in einer sich stark wandelnden Gesellschaft müssen eben neue Antworten gefunden werden. Da wir vieles nicht beeinflussen können, sollten wir überall dort, wo wir Gestaltungsspielraum haben, die Chancen erkennen und diese nutzen.

MS: Flüchtlingskrise? Was können wir, besonders in Meran, machen?
Ph. Achammer:
Aktive Integrationsarbeit vor Ort ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass das friedliche Zusammenleben in unserer Gesellschaft gesichert bleibt. Mit dem Haus Arnika und der Flüchtlingsunterkunft am Bahnhof verfügt Meran über zwei Strukturen für Asylantragsteller, in denen neben Versorgung und Unterkunft auch viel in Sprache, Ausbildung und Arbeitsintegration investiert wird. Für eine gelingende Integration müssen wir aber auch die Regeln, Rechte und Pflichten benennen und klar definieren, was Leben in unserem Land bedeutet.

MS: Stichwort Jugendkultur. Welche Tätigkeiten und Projekte werden in Meran finanziert?
Ph. Achammer:
Mit unseren Mitteln fördern wir sehr viele Träger in ihren Tätigkeiten wie auch Initiativen und Projekte der Jugendkultur. Dazu zählen der Ost-West-Club genauso wie der Jugenddienst Meran mit seiner Werkstatt „Work Up“, die Jungschar Untermais mit ihren vielfältigen Angeboten für Kinder genauso wie Projekte wie Asphaltart. Unser Beitrag für die Jugendkulturszene ist ein unterstützendes Element. Wesentlich für die Lebendigkeit von Jugendkultur in unserem Land ist jedoch das hohe ehrenamtliche Engagement sowie die Leidenschaft der hauptamtlichen Mitarbeiter in der Jugendarbeit! Darüber hinaus braucht es natürlich auch geeignete Strukturen. Mit der Renovierung des „Jungle“ sowie der Realisierung eines neues Sitzes für den Ost-West-Club sind zwei größere Investitionen in Meran geplant.

MS: Die traditionsreiche Akademie Meran hat in letzter Zeit neuen Auftrieb und Zuspruch erhalten. Wird sich das Land engagieren, um dort eine Forschungsstätte einzurichten, die das Panorama der einheimischen Forschungseinrichtungen ergänzt?
Ph. Achammer:
Die Aktivitäten der Akademie deutsch-italienischer Studien in Meran haben letzthin mit verschiedenen wissenschaftlichen Tagungen und Vorträgen, aber auch mit Kulturveranstaltungen unterschiedlichster Art zugenommen. Mit der Präsidentschaft von Cuno Tarfusser wurden die strategischen Ziele und die Ausrichtung neu definiert, auch werden verstärkt Kooperationen gesucht. Als Landesregierung halten wir diese Entwicklung für sehr positiv, weshalb sich das Land sicherlich entsprechend engagieren wird.

MS: Welche Ziele liegen Ihnen als Landesrat persönlich am Herzen?
Ph. Achammer:
Wir leben in einem einmaligen Land und dürfen uns glücklich schätzen, so eine wunderbare Heimat zu haben. Auch weil wir einen hohen Lebensstandard genießen dürfen, würde ich mir manches Mal etwas weniger Neid und Zwietracht, dafür mehr Offenheit wünschen. Junge Menschen sollten nicht in der Aus- und Abgrenzung Lösungen sehen. Deshalb müssen wir ihnen Chancen bieten: in der Bildung, für Arbeit und beim Wohnen. Südtirol bietet, eingebettet in einem vereinten Europa, bereits sehr viele Möglichkeiten, die es zu nutzen gilt. Diese Chancen aufzuzeigen und dafür zu sensibilisieren ist mein vorrangiges Ziel als Landesrat.

MS: Zum Abschluss: Was möchten Sie den Meranern zu ihrem 700-jährigen Jubiläum mit auf den Weg geben?
Ph. Achammer:
Es lässt sich kaum ermessen, was sich hinter sieben Jahrhunderten an Entwicklung und Veränderung verbirgt. Wir richten unseren Blick zumeist nach vorne, handeln und planen für die Zukunft. Aber es gibt Momente, in denen es wichtig ist, innezuhalten und auf das Vergangene in all seinen Facetten zurückzublicken. Dies kann auch für das Jubiläum „700 Jahre Meran“ gelten, indem wir aus der wechselreichen Geschichte lernen, Kraft schöpfen von den positiven Momenten und außerdem die richtigen Schlüsse daraus ziehen, damit sich die dunkelsten Kapitel nicht wiederholen. In diesem Sinne wünsche ich der gesamten Bürgerschaft ein gelingendes Jubiläumsjahr 2017.

Ein Artikel aus der Rubrik Interview  von Eva Pföstl (ep)