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Kein Weg zurück


Heute Nacht hatte ich wieder diesen Traum. Es ist der, in dem ich mein Studium nur beinahe beendet habe und die paar echten Brocken noch vor mir liegen. Es ist ein Traum ohne Gewalt, ohne Dunkelheit, ohne Messerstecher und bedrohende Schatten in der Nacht. Einer ohne plötzliche Schicksalsschläge und Unfälle, keiner in dem eines meiner Kinder erkrankt oder so.

Es ist einfach ein Traum, in dem ich mich in meinem Werdegang ein Stück weiter hinten befinde.

Und ich sage Ihnen: Dieser Traum setzt mir so zu, dass ich heute Früh fast eine extra Tasse Grüntee getrunken hätte, vor Freude. Vor Freude, wieder dort zu sein, wo ich bin. Im Jetzt und Hier und nicht 10 Jahre weiter hinten.

Lassen Sie mich etwas ausholen. Wenn ich mich mit alten Freunden treffe, solchen aus der Studienzeit beispielsweise, dann fallen oft Sätze wie: Meine Güte, wir hatten es schön! Wie jung und unbeschwert wir waren! Wie frei wir waren! Wie schön diese Zeit doch war! Ach, wären wir doch wieder Studenten!

Dann denk ich mir immer: Ja, alles schön und gut, wir hatten eine tolle Zeit, sie war voller Abenteuer, voller Spaß, voller Abwechslung, voller Überraschungen, voller Bekanntschaften, voller Bier, voller Experimente, aber sie war auch voller Präsentationen vor einer mitunter unberechenbaren Jury, voller Seminare mit Anwesenheitspflicht, voller Prüfungen mit wochenlanger Appetitlosigkeit vorher, nervösem Durchfall und schlaflosen Nächten, Phasen des Studiums mit totalem Hausarrest, voller großer Enttäuschungen, die einen immer wieder zurückwarfen im Zeitplan, im Lebensplan, Zeiten voller Frustration und Selbstzweifel, voller Komplexe und Ratlosigkeit.

Dieses Gefühl, an etwas zu scheitern, obgleich man so viel dafür gegeben hat, vermeintlich alles, diesen Kloß im Hals, wenn man einen Entwurf präsentiert, den man für gelungen hält, am Plakat steht und erläutert, was man sich so dabei gedacht hat, das Modell erklärt und dann sehr bald am Gesichtsausdruck derer, die bewerten, erkennt, dass man damit jetzt nicht gerade den Hauptgewinn reißen wird, das alles vermisse ich ganz und gar nicht. Im Gegenteil: Ich bin froh, dass ich meinen Weg gegangen bin, am Ende sogar sehr befriedigend abschließen konnte, ich bin stolz, nicht auf halber Strecke das Handtuch geworfen zu haben (was ich in erster Linie meiner unermüdlich mich treibenden Mutter zu verdanken habe).

Ich bin nicht traumatisiert vom Architekturstudium, ich habe eine Menge gelernt in meiner Ausbildung, das mir keiner nehmen kann, aber Hand aufs Herz: Ich bin froh, das alles hinter mir zu haben. Auf Prüfungen, Kräftemessen jeglicher Art – ich war auch über 10 Jahre lang Wettkampfsportlerin –, auf Bestätigungen, die in Zusammenhang mit Kenntnissen oder Leistungen jeglicher Art liegen, habe ich echt keinen Bock mehr.

Ich bin nicht mehr die Jüngste, war schon attraktiver und agiler in meinem Leben, ich hatte gewiss nach außen hin schon ein spannenderes Dasein als das, das ich heute habe, aber ich war noch nie ausgeglichener, zufriedener und ruhiger. Ich freue mich auf eine Zeit nach dem Wechseln von Windeln, eine, in der ich wieder mehr auf mich schauen kann, vielleicht die Reisen nachhole mit meinem Freund, zu denen wir vor den Kindern nicht mehr aufbrechen konnten, aber fürs erste atme ich tief durch bei dem Gedanken, dass das heute Nacht nur ein Traum war.